Wie viele Situationen gibt es am Tag, in denen wir entweder einen Konflikt, ein Missverständnis oder sogar vollkommenes Unverständnis mit jemandem haben.

Der Ablauf ist meist der Gleiche: A tut oder sagt was. B reagiert. Das eine entspricht nicht dem, was der andere will – Konflikt! Manchmal laut, manchmal leise!

Ganz oft liegt das daran, dass wir beide den jeweils anderen einfach nicht verstehen.

In vielen Situation neigen wir nämlich dazu, unsere eigene Sichtweise als die einzig Richtige darzustellen. Nach dem Motto: Ich habe recht – du hast Unrecht. Manchmal gehen wir sogar soweit, unser Gegenüber “als dumm” zu verkaufen, weil er es einfach nicht kapieren kann.

Denn nur selten gelingt es uns, etwas aus der Sicht des anderen zu betrachten. Und wenn wir es dann doch schaffen, sind wir auf einmal überrascht. Wir erkennen die Beweggründe und sie erscheinen “aus seiner Sicht” plötzlich sogar ziemlich nachvollziehbar.

Um die Fähigkeit zum Sichtweisen wechseln zu stärken, kann uns das Modell der 4 Wahrnehmungspositionen helfen:

Dieses besagt nämlich, dass wir Situationen (Konflikte genauso wie Alltagssituation) einerseits aus der Rolle der beteiligten Personen sehen können und anderseits aus verschiedenen Beobachterrollen. Schauen wir uns diese zunächst an:

1. Position “Ich”: Die Welt, wie ich sie sehe.

Stelle dir einen Konflikt oder eine andere unangenehme Situation aus der Vergangenheit mit einer anderen Person vor. Nimm die Situation jetzt konsequent nur aus deiner Brille war. Denke nicht über die Motive der anderen Person nach. Konzentriere dich ganz bewusst nur auf dich selbst.

Und beantworte dir diese drei einfachen Fragen:

  • “Was fühle ich?”
  • “Was denke ich?” und
  • “Was will ich?”

Sei egoistisch und denke (in dieser Position) nur an dich selbst.

2. Position “Du”: Die Welt aus der Sicht des anderen.

Und jetzt stelle dir die gleiche Situation aus der Sicht des anderen vor. Das landläufig daher gesagte: “Ich an seiner Stelle …” reicht dabei gerade nicht aus. Denn dabei bleibst du eben in deiner Sichtweise.

Stelle dir statt dessen vor, du wärst er. Nehme die Welt aus seiner Brille war. Was sieht derjenige, was hört derjenige. Am Anfang ist es schwer diese Position wirklich sauber hinzu bekommen. Es kann helfen den Stuhl oder die Position im Raum zu wechseln.

Auch hier beantwortest du wieder die drei Fragen:

  • “Was fühle ich (als der andere)?”
  • “Was denke ich?” und
  • “Was will ich?”

Beantworte diese Fragen aus seiner Position, am besten in der “Ich”-Form.

Wenn es mehr als zwei Beteiligte gibt, dann kann es hier mehrere 2. Positionen geben (2a, 2b, …)

3. Position “Beobachter”: Die Welt aus der Sicht des neutralen Beobachters.

Stelle dir nun vor, du wärst ein Beobachter der genannten Situation. Wie würdest du als vollkommen unbeteiligter die Situation von außen betrachten? Dabei siehst du nun “dich selbst” und den anderen vor dir. Was ihr macht und was ihr sagt. Dabei ist es wichtig, jetzt nicht die Motive der Personen zu interpretieren, sondern zu versuchen, sie möglichst objektiv zu beschreiben. Wie stehen die beiden zueinander? Wer redet wie viel? Was wird wie laut gesagt? Usw.

Dabei bist du in dieser Position nah am Geschehen dran. Das akute Handeln in der Situation ist wichtig.

Eine Frage könnte sein: “Was ist (damals) passiert?”

4. Position „Systemblick“: Der Blick auf das große Ganze.

Und nun schaust du einmal von ganz weit draußen auf die Szenerie. Stell dir vor, du bist ein Adler am Himmel oder sogar der „Mann im Mond“ und blickst runter. Was fällt dir aus der Vogelperspektive noch auf? Du siehst zwar immer noch die aktuelle Situation, aber auch die Systeme außen herum. Welche Leute sind z.B. noch wichtig? Wie sind die hierarchischen Beziehungen? Worum geht es eigentlich? Was ist mit den Familien der Protagonisten?

Was kannst du aus dieser Position sehen, was aus der Nähe “unsichtbar” ist?

***

Was ist noch wichtig:

Die Positionen 1 und 3 sind uns aus unserem “normalen” Leben relativ geläufig. Unsere eigene Perspektive haben wir sowieso immer dabei. Und unser eigenes Handeln hin und wieder objektiv zu reflektieren, fällt uns auch noch vergleichsweise leicht.

Deutlich anspruchsvoller sind die Positionen 2 und 4.

Sich in den anderen hineinzuversetzen und zu versuchen, die Welt wirklich aus anderen Augen zu sehen, fällt uns schwer. Gerade wenn es sich um Personen handelt, die wir nicht so gerne mögen.

Und dazu kommt noch unser eigenes Selbst, das uns manchmal ein Schnippchen schlägt. So sagte ein Workshopteilnehmer mal: „Aber manchmal will ich den anderen doch gar nicht verstehen!“ Exakt richtig! Sonst würden wir ja „Gefahr“ laufen, seine Denkweise nachzuvollziehen. Hier sind wir nun ganz nah dran am Modell des Drama-Dreiecks. Wir wollen im anderen den „Täter“ sehen. Dann können wir nämlich selbst „Opfer“ sein und müssen nichts unternehmen. 

Die 4. Wahrnehmungsposition ist ebenfalls sehr komplex zu erfassen. Hier die systemischen Zusammenhänge zu erkennen, kann sich am Anfang ziemlich ungewohnt anfühlen. Es hilft dann, nicht zu perfektionistisch vorgehen zu wollen und es zunächst bei den Fragen zu belassen: “Wer oder was ist noch wichtig?” und “Worum geht es eigentlich?”. Mit der Zeit kannst du dann immer tiefer gehen. 

Um aber einen Konflikt wirklich nachhaltig lösen zu können, müssen wir die Motive verstehen und wenn möglich auch akzeptieren. Dann sind einvernehmliche Lösungen möglich.

***

Was nützt dir das?

Versuche doch mal eine Alltagssituation von dir durch diese 4 Perspektiven zu betrachten:

  1. Wie geht es mir dabei? Was fühle, denke und will ich?
  2. Wie fühlt sich der oder die andere(n) dabei? Was ist das Motiv, das dahinter steht?
  3. Schau dir die beteiligten Personen mal von außen an. Was machen und sagen sie? Was erkennst du von hier?
  4. Und dann schau von ganz weit draußen drauf. Wie ist die Beziehung der Personen? Wer ist noch wichtig? Worum geht es eigentlich?

Welche Erkenntnis hast du zusätzlich gewonnen? Was wusstest du davor schon und was ist dir jetzt noch einmal klar geworden?

Am Anfang werden sich diese vier Perspektiven komisch an fühlen. Aber je mehr du dich darauf einlässt, desto leichter wird es. Nutze das Modell zunächst um in Selbstreflexionsphasen bestimmte Situationen zu rekapitulieren. In der Bahn oder im Auto oder auch Abends auf der Couch. Und mit der Zeit wird es dir vielleicht sogar gelingen, im Alltagsgeschehen selbst mal die Perspektive zu wechseln.

Ich kann dir aus Erfahrung nur sagen: Es lohnt sich!

Hau den ersten Stein um und nutze die 4 Wahrnehmungspositionen. 

Moritz

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Ich bin Moritz,

ich war 12,5 Jahre Kriminalbeamter, bevor ich den Goldenen Käfig 2017 verlassen habe. Heute bin ich Vater von drei Kindern, Ehemann,  IT-Consultant, Trainer und Coach.

Wir können das System nicht verändern. Aber wir können unser Leben verändern. Wenn du willst, können wir ein Stück des Weges gemeinsam gehen. Hau den ersten Stein um!

Alle Bilder von unsplash.com oder privat