Interview mit Marie – Was die fertige Lehrerin auf ihrem Weg in die Erwachsenenbildung auch über Pinguine gelernt hat

Marie war fertige Realschullehrerin für Deutsch und Geschichte. Doch heute ist sie nicht an einer Schule, sondern in der Erwachsenenbildung tätig und dort sehr zufrieden. Warum sie sich gegen die Verbeamtung entschieden hat und warum Pinguine ins Wasser gehören, erzählt sie dir im Interview mit uns.

Liebe Marie,

Lisa: Was uns verbindet, ist das Seminarjahr des Referendariats, das wir gemeinsam gemeistert haben. Was mir davon vor allem in Erinnerung geblieben ist, ist der große Zusammenhalt, den wir untereinander im Seminar hatten. Was ist bei dir DIE bleibende Erinnerung an dieses doch recht anstrengende Jahr?

Marie: Für mich waren beide Jahre sehr anstrengend – auf unterschiedliche Art. Gerade die Lehrproben, an denen viel hängt, haben sich eingebrannt. Ich – wahrscheinlich wir alle – haben wahnsinnig viel Energie in diese Unterrichtsstunden gesteckt. Und als sie dann vorbei waren, war auch die Anspannung weg, und je nachdem füllte dann Freude oder Enttäuschung die Lücke.
Und da kommt dann wieder unsere Refi-Gruppe ins Spiel, weil wir uns ehrlich mitgefreut, mitgelitten und wieder aufgebaut haben.

Welche positiven Erfahrungen hast du (außerdem) während des Referendariats gemacht?

Schon während des ersten Jahres habe ich gemerkt, dass der Beruf nicht 100% zu mir passt. Es gab Vieles, was mir gefiel, aber viel mehr, mit dem ich (doch) nicht zurecht gekommen bin. Ich habe gelernt, auf mich zu hören und meinen Weg zu gehen. Und ich habe gespürt, wie wichtig ich meinen Liebsten bin, die mich immer wieder aufgefangen haben.

Was waren Punkte, die du komisch fandest oder an denen du dich immer wieder gestört hast?

Der Zwang und der Druck. Dass gefühlt alles in der Schule darüber läuft. Von der Schulpflicht, über die Hierarchie Lehrpersonal-Schülerschaft, den Lehrplan, die Noten, den Zeitdruck, usw. Jetzt werden sich sicherlich manche denken: „Das hätte sie doch wissen müssen!“
Aber es ist eine Sache es zu wissen – denn ich wusste, was auf mich zukommt, da es in meiner Familie zwei Lehrerinnen gibt – und eine andere es über einen längeren Zeitraum zu erleben. Manchmal saß ich im Lehrerzimmer und hatte das Gefühl, Beobachterin zu sein und nicht dahin zu gehören. Ich merkte, dass mir etwas fehlte:

Freiheit – in der zeitlichen Einteilung und den Themen, sowie von Noten.

Das fand ich in der Schule nicht.

Du hast die Fächer Deutsch und Geschichte auf Lehramt an Realschulen studiert. Was waren für dich die ausschlaggebenden Gründe, die Beamtenlaufbahn anzustreben?

Zum Lehramtsstudium bin ich gekommen, weil mir mein ursprünglicher Wunsch (Hotel-/Eventmanagement) madig geredet wurde. Ich wusste dann nur, dass ich schnell was brauche – eine Pause, z. B. FSJ oder Work-and-travel. kam für mich damals nicht in Frage. Und Geschichte mochte ich. Nur was kann man mit Geschichte später machen? Ins Museum? Nein! Lehramt? Warum nicht?! Ich mochte den Gedanken, eine gute Lehrerin zu sein, die ihre Schüler*innen für das Fach begeistert und aufzeigt, warum Geschichte für uns heute noch wichtig ist. Und Deutsch/ Germanistik: war die für mich einzig akzeptable Auffüllung.

Und ich bin ehrlich: die Möglichkeit verbeamtet zu werden und die familienfreundlichen Arbeitszeiten waren für mich damals auch noch reizvoll.

Heute würde ich auf gar keinen Fall mehr verbeamtet sein wollen.

Meine Freiheit, selbst entscheiden zu können, wo ich arbeite, ist mir heute wichtiger.

Direkt nach dem Referendariat hast du beschlossen, nochmals zu studieren (welcher Studiengang? Wie viele Semester? Welcher Abschluss?). Was war der/die ausschlaggebende/n Punkt/e, weswegen du diese Entscheidung getroffen hast?

Ich hatte schon erzählt, dass ich bereits gegen Ende des 1. Jahres merkte, dass Lehramt nicht zu mir passt. Der Eindruck hat sich im 2. Jahr verstärkt, da es mir physisch und psychisch immer schlechter ging. Wahrscheinlich stand ich kurz vor einem Burn-out: Die Arbeitsbelastung war hoch, die Fahrtstrecke zur Schule lang (2 Stunden am Tag) und es gab enorme Probleme mit einer Klasse (hatten auch mehrere erfahrene Kollegen).
Deshalb habe ich mich gegen Ende des Refs nach Stellen außerhalb der Schule umgesehen. In Stellenanzeigen für Studienberatung bin ich über den Abschluss „Erwachsenenbildung“ gestolpert, habe ihn gegoogelt und zu meiner Überraschung gesehen, dass es einen offenen Masterstudiengang in Bamberg (wo ich damals wie heute lebe) gibt. Das Profil klang recht interessant und weitere zwei Jahre mit wenig Geld waren für mich ok (Familienplanung oder Hauskauf standen nicht an). Der Übergang von Schule ins „normale“ Berufsleben kann wohl schwer sein (hatte ich in ein paar Artikeln gelesen und meine Bewerbungen waren nicht erfolgreich), weshalb ich mich mit einer zusätzlichen Qualifikation absichern wollte, um unabhängig vom Lehramt zu sein. Aber auch Zeit für mich, entspannen und ausloten, wohin es geht, waren Gründe für den Master.
Insgesamt habe ich 3 Jahre bis zum Master of Arts gebraucht, habe in der Zeit vier Praktika in den unterschiedlichsten Organisationen gemacht, herausgefunden, wohin ich beruflich will (was ich verwirklichen konnte ;-)), und viele wertvolle Erfahrungen gesammelt!

War dir von Anfang des Studiums an klar, wo du damit hin möchtest? Bist du damit weiterhin verbeamtet?)

Jein. Ja, weil ich mich für Studienberatung als Beruf interessiert habe und der Master dafür eine Grundlage wäre. Nein, weil ich nicht in der Beratung gelandet bin.

Fiel dir die Entscheidung leicht? Immerhin hattest du als fertige Realschullehrerin mit Zweitem Staatsexamen eine fertige Berufsausbildung und hättest endlich (v.a. finanziell) richtig durchstarten können.

100% Ja. Als Lehrerin Vollzeit zu arbeiten, kam für mich nicht mehr in Frage. Während des Masters habe ich 10-15h in einer Grund- und Mittelschule ausgeholfen (ohne Proben/ Noten), das war auch ok – sogar ganz schön Aber keine 100 Pferde hätten mich dauerhaft in die Schule gebracht. Und viel Geld brauche ich nicht. Wenn ich selbst meine Rechnungen zahlen kann (ich habe mein Lehramtsstudium und Erwachsenenbildung selbst finanziert), reicht mir das.
Insgesamt fiel mir die Entscheidung, nochmal zu studieren, sehr leicht. Und rückblickend war das eine meiner besten Entscheidungen überhaupt. Ich habe mich in der 2. Studienzeit sehr weiterentwickelt, auch weil ich genau wusste, was ich wollte bzw. nicht wollte.

Und die „Auszeit“ – Ja, nach dem Ref kommt einem ein Master wie eine Auszeit vor – hat mir gut getan. Das war ein Seelenstreichler.

Wo arbeitest du heute? Wie gestaltet sich dein Arbeitsalltag?

Ich arbeite für ein Bundesamt, für das ich als Dozentin Seminare im Rahmen eines Freiwilligendienstes selbstständig konzipiere, halte und überarbeite. Ohne Notendruck. Ohne Lehrplan (es gibt zwar grobe inhaltliche Vorgaben, die sind aber sehr allgemein gehalten, so dass ich meine Interessen und die der Teilnehmenden sowie aktuelle Geschehnisse berücksichtigen kann). Ohne Zeitdruck (es gibt keinen 45min Gong). Und hoffentlich auf einer – metaphorischen – Augenhöhe (ich bin klein ;-))
Überwiegend halte ich die Seminare, abends recherchiere ich meist noch zu Fragen der Teilnehmenden. Meist bereite ich montags einen groben Seminarplan für die Woche vor. Die Feinplanung arbeite ich erst Montag Abend aus, weil ich die Gruppe bei den Themen gerne mitentscheiden lasse. Meist lerne ich die Gruppe auch erst am Montag kennen, weil viele Gruppen nur einmal zu unseren Seminaren kommen. Die Zeit vor und nach dem Seminar sowie während der Mittagspause nutzen wir (wir sind 4 Dozentinnen und die Leiterin des Seminarhauses) sowohl zur Vorbereitung als auch zum kollegialen Austausch. Montag und Freitag sind Teambesprechungen von je ca. 30 Minuten. Außerdem steht v. a. Montag und Freitag Raum vorbereiten bzw. aufräumen auf dem Plan. Kopieren muss ich noch selten, weil ich viel mit interaktiven Übungen und kreativen Gruppenaufgaben sowie mit Reflexionen und Diskussionen arbeite.

Bist du zufrieden, mit dem, was du jetzt beruflich machst? Was sind die Vor- und Nachteile deiner aktuellen Tätigkeit?

Ich hatte richtig Glück, diesen Job zu bekommen!

Mittlerweile habe ich einen unbefristeten Arbeitsvertrag – also auch eine gewisse Sicherheit – und verdiene fast so gut wie die ehemaligen Kolleg*innen in der Schule mit Angestelltenverträgen.
Auch fördert das Bundesamt Fortbildungen. Wir Dozent*innen sind nicht an Ferien gebunden und können weitestgehend unsere Seminarwochen (und damit unsere Urlaubswochen) selbst planen. Allerdings ca 1,5 Jahre im Voraus, spontane Flexibilität ist schwierig. Auch das Thema Vereinbarkeit Beruf-Familie ist schwierig. Wenn ich Seminar halte, immer bis 16h. Da müssen wir noch überlegen, wie wir das lösen, wenn es soweit ist.

Zu meiner Arbeit an sich: Eine Woche läuft super, die nächste ist etwas anstrengender.
Sowohl Vor- und Nachteil ist, dass wir die meisten Gruppen erst am Montag kennenlernen und sie nur eine Woche da sind. Das ist ab drei Seminaren am Stück sehr anstrengend. Irgendwann weiß ich manchmal nicht mehr, ob ich etwas schon erzählt habe oder nicht. Bei energieraubenden Gruppen weiß man dafür, dass sie nach 5 Tagen wieder weg sind. Und am Montag heißt es wieder: neue Gruppe, neues Glück. Bei tollen Gruppen, bin ich am Freitag aber auch etwas wehmütig.

Ebenfalls Vor- und Nachteil ist, die große Heterogenität mancher Gruppen. Von Muttersprachlern bis Menschen mit A1-Sprachniveau, vom Urbayern aus „Niederkaltenkirchen“ bis zur Teilnehmerin aus Mexiko-Stadt, vom Schulabrecher bis zur fertigen Maschinenbauingenieurin, von 15-Jährigen bis zu Rentnern: es kann passieren, dass all diese unterschiedlichsten Menschen am Montag vor dir sitzen. Super spannend! Und super herausfordernd!

Kennst du Beamte, die mit ihrer Arbeit nicht zufrieden sind? Was sind deine Erfahrungen: Woran liegt es und warum ändern sie nichts an ihrer Situation?

Ich habe noch 2 Lehrerinnen im aktiven Dienst in der Familie. Meist gefällt ihnen die Arbeit.
Allerdings macht ihnen das wachsende Arbeitspensum manchmal schwer zu schaffen. Und es hängt sehr viel von der Schulleitung und dem Kollegium ab! Wenn das nicht passen würde, wüsste ich nicht, ob sie ihren Beruf noch ausführen könnten.
Es stand aber bei beiden schon auf Messers Schneide.
Sie haben dann aber auch etwas geändert (1 Jahr Auszeit und Abgabe von Verantwortung und/ oder Schulwechsel).

Was möchtest du Menschen noch mitgeben, die unsicher sind, ob der Lehrerberuf bzw. das Beamtentum das Richtige für sie ist?

Frag dich:
Was will ICH wirklich? Was ist MIR wichtig? Oder was will ich nicht? Nimm dir die Zeit und sei ehrlich zu dir!

Sprich mit anderen:
Menschen, die dich gut kennen und mit Menschen, die in einer ähnlichen Situation sind. Vielleicht ergeben sich neue Perspektiven?

Informiere dich beim Arbeitgeber, bei der Arbeitsagentur oder Coaching-Anbietern:
Welche Möglichkeiten gibt es für mich, um wieder zufrieden und glücklich zu werden? Z. B. Sabbat-Jahr, alternative Schulformen, Versetzung, Weiterbildung?

Wenn du noch im Studium steckst:
Schnupper über Praktika in andere Berufe rein – vielleicht passt was anders besser oder Lehramt ist genau deins?

Und das Wichtigste zum Schluss:
Denk an das Pinguin-Prinzip (Eckert von Hirschhausen erklärt es sehr schön): wenn du als Pinguin in der Wüste bist, liegt es nicht an dir, dass deine Talente nicht zum Vorschein kommen! Stärke deine Stärken!!

Marie, herzlichen Dank für die Einblicke!

Ich wünsche dir alles Gute auf deinem weiteren Weg!

Lisa

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