Sabrina hat die Fächer Musik und Philosophie auf Gymnasiallehramt studiert, diese Laufbahn während des Referendariats jedoch abgebrochen.
Mit uns spricht sie über Gründe, weshalb sie diesen Beruf angestrebt hat, was gut lief, was weniger gut. Außerdem geht es im folgenden Interview darum, warum sie letztlich abgebrochen hat und was sie heute macht.

Liebe Sabrina*,

Vielen herzlichen Dank, dass du dich bereit erklärt hast, uns einige Fragen zu beantworten.

Was waren für dich die ausschlaggebenden Gründe, die Beamtenlaufbahn anzustreben?

Ich habe Gymnasiallehramt studiert. Tatsächlich erinnere ich mich, dass ich in der Grundschulzeit bereits immer gesagt habe, dass ich Lehrerin werden wollte und das hat sich auch nie geändert.

Eigentlich ganz witzig, da ich immer eine schlechte Schülerin gewesen bin. Ich hatte immer Probleme mit dem Auswendiglernen und da hat man in der heutigen Zeit kaum eine Chance. Während der Jahre auf dem Gymnasium hatte ich viele schlechte Lehrer und habe mir immer geschworen: Das mache ich besser!

Vielleicht ein wenig utopisch und naiv, aber ich wollte immer auch die schlechten Schüler einfangen, da auf mich oft nicht geachtet fühlte und ich oft direkt abgestempelt bzw. ignoriert wurde. Ich habe seit ewigen Jahren verschiedene pädagogische Nebenjobs gehabt und hatte immer eine gute Beziehung zu Schülern, was mich darin bestärkt hat, dass mich das Lehrerdasein erfüllen wird.

Natürlich spielt dann noch das Thema sicheres Gehalt eine Rolle – das war der Grund, warum ich die Verbeamtung angestrebt habe. Ich hatte während des Studiums oft ganz schön kratzen müssen, da ich kein Bafög bekommen habe. Ich wollte mir nach dem Studium nie wieder Sorgen um Geld machen. Und wenn ich das dann noch vereinen kann mit einer Beschäftigung, die mich erfüllt, kann doch nichts mehr schief gehen?!

Wann hast du gemerkt, dass etwas nicht stimmt? Was ist im Referendariat nicht rund gelaufen?

Ich hatte in meinem Studium eigentlich nie Probleme. Ich habe einen super Abschluss gemacht, habe mich aber bei 80% der Studieninhalte immer gefragt, wie ich das für die Schule brauche.

Der Pädagogikanteil unseres Musikstudiums liegt vielleicht bei 20%, die anderen gefühlten 80% bestehen aus musikwissenschaftlichen Themen. Wir wurden eigentlich überhaupt nicht darauf vorbereitet, was in der Schule auf uns zukommt. Aber man schlängelt sich dann eben durch, da man ja ein Ziel vor Augen hat. In der Philosophie kann ich mich an kein einziges Seminar erinnern, das irgendetwas mit Pädagogik zu tun hatte… Da fühlte ich mich noch schlechter vorbereitet.

Als ich die Zusage für das Referendariat in Niedersachsen bekommen habe, fühlte ich mich sehr sicher in meiner Entscheidung. Ich dachte, dass ich endlich angekommen bin und sich nun mein Ziel in greifbarer Nähe befindet. Bis ich erst einmal erfahren habe, dass ich meinen Seminarleiter bereits kannte, mit dem ich im Studium schon einmal aneinander geraten bin. Das war für mich erst einmal ein Schock und hat meiner Motivation einen ordentlichen Hieb verpasst.

Als es dann losging, habe ich bemerkt, dass ich vor allem in Philosophie große Probleme mit den Inhalten hatte, da ich mich überhaupt nicht vorbereitet gefühlt habe. Ich habe eigentlich neben meinem Referendariat versucht, eigenständig ein gesamtes Philosophiestudium nachzuholen.

Das hat mich sehr unter Druck gesetzt. Ich habe sehr schnell gemerkt, dass ich das Wissen, was ich bräuchte, gar nicht schaffe nachzuholen. Zwar sagten alle (sowohl meine Konreferendare als auch meine Kollegen, dass mein Wissenstand normal sei und ich mich nicht so unter Druck setzen soll, aber ich konnte diesen eigen initiierten Druck nicht abstellen), der natürlich eine zusätzliche Belastung zum Referendariat gewesen ist und mich überfordert und ich mich schnell überarbeitet habe.

Welche positiven Erfahrungen hast du während des Referendariats gemacht?

Ich habe viele nette und hilfsbereite Menschen kennen gelernt. Ich habe mich von meinen Konreferendaren nie allein gelassen gefühlt. Wir haben uns alle gegenseitig unterstützt, ganz nach dem Motto Gemeinsam sind wir stark!.

Ich glaube, ich hätte sonst schon viel früher abgebrochen. (Ich habe nach 6 von 18 Monaten abgebrochen). Des Weiteren hatte ich sehr tolle Klassen in Eigenverantwortung, die mir selbst in dieser kurzen Zeit das Gefühl gegeben haben, dass ich an der Schule richtig bin. Ich hatte immer das Gefühl, dass sie Spaß in meinem Unterricht hatten und auch viel gelernt haben.

Des Weiteren hatte ich eine super Schule. Die Lehrer haben mich (fast) alle gut aufgenommen (die einzige Ausnahme könnt ihr im nächsten Absatz nachlesen), haben mir immer Hilfe angeboten und mir nicht das Gefühl gegeben, dass ich als Referendar eine Last bin.

Was war der ausschlaggebende Punkt, weswegen du trotzdem die Entscheidung getroffen hast, das Referendariat abzubrechen?

Persönlichkeitsentwicklung während des Referendariats – die Negativspirale

Einen einzigen ausschlaggebenden Punkt gab es eigentlich nicht.

Wie bereits erwähnt, musste ich mir neben dem Referendariat noch viel Wissen aneignen. Das hat mich noch zusätzlich belastet. Dann gab es seminarinterne Probleme mit einem meiner Seminarleiter. Normalerweise halte ich mich aus solchen Problemen gerne raus, da ich versuchen möchte, mich auf mich zu konzentrieren, doch unsere gesamte Ausbildung litt an ihm und die Probleme wurden immer krasser.

Das war dann irgendwann so schlimm, dass ich schon zu Beginn meines Referendariats eine starke Angst vor der Abschlussprüfung hatte. Viele Referendare sind bei ihm durchgefallen und die anderen sind gerade so durchgekommen. Wie sollte dann ich, die viel weniger Wissen hatte, als die, die durchgefallen sind, es schaffen? Ich steigerte mich in diese Gedanken hinein und kam dann nicht mehr raus und wurde immer unsicherer.

Die Person, die am Anfang des Referendariats noch voller Selbstbewusstsein und Motivation vor der Klasse stand, ganz nach dem Motto: So, hier bin und jetzt geht’s los, wurde immer vorsichtiger, ängstlicher und kleiner. Ich habe das gar nicht sofort gemerkt, wie unsicher ich mit der Zeit geworden bin.

Und so verschwand auch der Spaß vor der Klasse zu stehen und auch die Kraft, mich für jede Unterrichtsstunde gut vorzubereiten. Dazu kam, dass mir immer bewusster wurde, dass mein Unterrichtsniveau stetig abnahm und die Schüler begannen mir leidzutun.

Lehrplan vs. Visionen

Dazu kam noch, dass ich in Musik immer unglücklicher wurde, da ich gemerkt habe, dass der praktische Anteil der Unterrichtsstunde viel geringer ist, als ich gedacht habe.

Die Schüler haben Lust Musik zu machen. Nur hat man da kaum Zeit für, da man ja den Lehrinhalt vermitteln muss. Ich habe versucht, jede Stunde etwas Praktisches zu machen, sei es, einfach nur mit der Klasse zu singen.

Und dann in die enttäuschten Gesichter zu gucken, wenn man zum Unterrichtsthema zurückkehren musste, fand ich grausam.

Die Beziehung zu den Schülern

Des Weiteren habe ich jahrelang nebenbei immer pädagogisch gearbeitet und stets eine Beziehung zu jedem einzelnen Schüler aufgebaut, die mir auch immer wichtig gewesen ist.

Am Gymnasium ist das viel oberflächlicher, man schafft es überhaupt nicht, auf jeden Schüler gleichermaßen einzugehen, sodass ich angefangen habe, den Bezug, den ich sonst zu Schüler immer hatte, zu vermissen. Ich vermisste meine alte Arbeit, meine alten Schüler, mein altes Leben…

Die erste Lehrprobe

Dann war der Zeitpunkt gekommen, in der meine erste Lehrprobe stattfinden sollte. Ich habe da schon mit den Gedanken gespielt „aufzugeben“ (Zu dem Zeitpunkt war das für mich ein Gefühl des Versagens und der Schwäche), aber ich habe versucht, mich zusammenzureißen und auf die anderen zu hören, dass das Referendariat eine harte Zeit sei und danach alles besser werde, sobald der Beobachtungsdruck weg sei.

Meine erste Lehrprobe war eine Katastrophe. Ich habe kurz vorher schon angefangen, zu kränkeln und stand kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Meine betreuende Lehrerkraft, die den Oberstufenkurs leitete, war katastrophal.

Nicht nur, dass sie selbst eine unglaublich schlechte Lehrerin gewesen ist (die Gründe hierfür schieb ich mal beiseite), sie hat mich schlecht beraten, hat psychische Spielchen mit mir gespielt und ist mir in der Nachbesprechung der gescheiterten Lehrprobe auch noch in den Rücken gefallen.

Ich wurde natürlich von meinen Seminarleitern auseinandergenommen und keiner wusste, was für eine krasse Woche vor mir gelegen hatte. Viele Kritikpunkte hatte ich der Lehrkraft zu verdanken.

Meine bisherigen Nachbesprechungen der unbewerteten Unterrichtsbesuche sind eigentlich immer ganz positiv ausgefallen, aber nach dieser Lehrprobe hatte ich das Gefühl, dass ich aus diesem negativen Bild, das die Seminarleiter nun von mir haben, nicht mehr rauskommen werde.

Erst die Krankheit, dann die Entscheidung

Natürlich hätte ich den Seminarleitern auch davon erzählen können, was für eine Betreuung ich hatte, aber ich hatte einfach gar keine Kraft mehr. Ich war dann erst einmal vier Wochen krankgeschrieben, zum einen weil meine Erkältung, die da schon 6 Wochen anhielt, nicht weggehen wollte, zum anderen weil mein Kopf so voll war, dass nichts mehr hineinwollte, egal wie sehr ich mich anstrengte.

In der Zeit habe ich dann festgestellt, dass es so nicht weitergehen kann. Ich wusste zu dem Zeitpunkt schon, dass ich nach meinem Referendariat nicht in den Schuldienst zurückkehren werde. Meine Uneinigkeiten mit den lehrplanbedingten Inhalten waren zu groß und die oberflächlichen Bindungen zu den Schülern würden mich nie glücklich machen.

Und dann war nur noch die Frage zu klären: Ziehe ich das Referendariat trotzdem durch (wahrscheinlich hätte ich es schon geschafft), aber gehe gesundheitlich daran kaputt oder breche ich es ab.

Wie ging es dir mit dieser Entscheidung (vorher/ nachher)? Wie waren die Reaktionen deines Umfelds (Freunde, Familie, Kollegen, Vorgesetzte)?

Bevor ich die Entscheidung getroffen habe, habe ich mich als Versager gefühlt. Ich habe jahrelang dafür gekämpft, Lehramt zu studieren (ich bin da nur über Umwege hingekommen) und hatte vor allem Angst, es meinen Eltern zu sagen, da sie viel Geld und Geduld (ich habe vor dem Studium noch eine Ausbildung gemacht) in mich investiert haben.

Die haben aber erstaunlich positiv reagiert. Auch meine Freunde und Kollegen waren sehr verständnisvoll und hatten Respekt vor dieser schwierigen Entscheidung. Meine Vorgesetzten reagierten überrascht, zeigten aber auch viel Verständnis.

Im Großen und Ganzen war ich sehr überrascht über diese positive Unterstützung. Sie hat mich in meiner Entscheidung nur bestärkt.

Hattest du zu dem Zeitpunkt schon ein alternatives „Hin zu“, eine Vision, wo du beruflich hin möchtest?

Jein, ich war jahrelang als freiberufliche Musikerin unterwegs gewesen, hatte Privatschüler, habe an Musikschulen und in Schulen in Form von AGs gearbeitet und wusste, dass ich dahin erst einmal zurückkehren werde.

Ich wollte das zu dem Zeitpunkt aber nicht langfristig machen, da ich noch in dem Gedanken festhing, dass ich mir einen Job suchen möchte, in dem ich mehr Geld verdiene, als als freiberuflicher Musiker. Dafür hatte ich einfach zu lange studiert.

Wie ging es danach bei dir weiter? Wie lange ist dein „Ausstieg“ her und was machst du jetzt, um ein zufriedeneres Leben zu führen?

Ich arbeite nun seit 2 ½ Monaten als freiberufliche Musikerin, solange ist nun mein Ausstieg auch her (es fühlt sich wie eine Ewigkeit an).

Ich kann nicht sagen, dass das eine leichte Phase gewesen ist. Es ist schwierig gewesen, aus der privaten Krankenversicherung herauszukommen.

Als freiberufliche Musikerin bist du nicht sozialversicherungspflichtig beschäftigt, was du eben benötigst, um aus der Privaten herauszukommen. Das musste ich dann über das Arbeitsamt machen. Das ist schon ziemlich nervenzerreißend.

Bist du zufrieden, mit dem, was du jetzt tust?  Was sind die Vor- und Nachteile deiner aktuellen Tätigkeit?

Freiberuflichkeit dauert seine Zeit. Bis ich geldtechnisch da angekommen bin, um wirklich zufrieden zu sein, dauert es leider etwas.

Das ist eben etwas schwieriger, als irgendwo z.B.einen Bürojob anzunehmen. Aber denkt man sich den Geldaspekt mal weg, erfüllt mich das einfach mehr.

Der direkte Kontakt zu den Schülern, man macht das, was einem Spaß macht und ist nicht gebunden an irgendwelche Lehrinhalte, auf die Schüler sowieso keine Lust haben und man hat keine stundenlange Vor- und Nachbereitung. Die Vorbereitung für die Stunden sind meistens Noten heraussuchen oder selbst transkribieren, aber das macht mir Spaß und ich setze mich gerne freiwillig an den Computer und erstelle Noten.

Bist du noch in Kontakt mit (unzufriedenen) Beamten? Was sind deine Erfahrungen: Warum ändern sie nichts an ihrer Situation?

Ja ich habe noch Kontakt zu einigen Referendaren, die unzufrieden mit der Situation sind. Ich denke, dass der Hauptgrund ist, dass sie nicht wissen, was sie sonst machen sollen.

Das Lehramtstudium ist leider nicht weit gefächert, sodass die Alternativen leider gering sind. Hinzukommt, dass sobald man die Entscheidung getroffen hat, das Referendariat abzubrechen, entscheidet man sich auch gegen das Geld (zumindest habe ich noch keinen Referendariatsabbrecher kennen gelernt, der jetzt mehr verdient als er als Lehrer würde). Da muss man eben selbst entscheiden, was für einen Stellenwert das Geld für das eigene Glück hat.

Was möchtest du Menschen noch mitgeben, denen es so geht, wie dir?

Das Referendariat ist eine harte Zeit. Wenn ihr wisst, dass ihr nach dem Referendariat Lehrer werden wollt, zieht es durch, denn ohne Beobachtungsdruck wird wahrscheinlich einiges leichter. Sprecht mit euren Kollegen, Konreferendaren oder Freunden, verschweigt es nicht!

Ihr bekommt mehr Unterstützung, als ihr glaubt.

Das wichtigste ist:

Hört auf euer Herz!

Wenn ihr merkt, es ist nicht das richtige, macht euch Gedanken, was euch wichtig ist. Ihr werdet das richtige für ein erfülltes Leben finden 🙂 

Sabrina, herzlichen Dank für die Einblicke in dein Leben! …

Ich wünsche dir alles Gute auf deinem weiteren Weg!

Lisa

*Name geändert

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Ich bin Moritz,

ich war 12,5 Jahre Kriminalbeamter, bevor ich den Goldenen Käfig 2017 verlassen habe. Heute bin ich Vater von drei Kindern, Ehemann,  IT-Consultant, Trainer und Coach.

Wir können das System nicht verändern. Aber wir können unser Leben verändern. Wenn du willst, können wir ein Stück des Weges gemeinsam gehen. Hau den ersten Stein um!

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