Wenn du „Ja“ sagst, obwohl du „Nein“ meinst.

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„Warum willst du als Beamter kündigen?“

Das war meist die erste Frage, wenn ich anderen zum ersten Mal von meinen Plänen berichtet habe.

Die Antwort kann ich sehr kurz halten: „Ich finde dieses System macht krank und ich bin unzufrieden!“ Aber wir beide wissen natürlich, dass das nur die halbe Wahrheit ist. Denn viele leiden unter diesem System, aber nicht jeder kündigt deswegen gleich.

Um die Frage umfassender zu beantworten muss ich weiter ausholen:

Im Jahr 2012 war ich mit Ende 20 bereits auf einer verantwortungsvollen Position innerhalb meiner Behörde. Ich war Produktmanager für IT-Systeme und habe die Weiterentwicklung, den Support und die Schulungen koordiniert. Ich war angesehen und meine Arbeit machte mir meistens Spaß. Ich war damals bereits im Fahrwasser für höhere Weihen und im Prinzip konnte es einfach schön immer so weiter gehen. Allerdings wurden mit steigender Verantwortung auch die Daumenschrauben immer größer. Irgendwo klar. Doch leider gab es auch immer mehr Situationen, in denen ich gefühlt zu etwas „Ja“ sagen musste, obwohl ich „Nein“ meinte, oder anders herum.

„Gefühlt … musste“ weil ich – objektiv gesehen – natürlich auch zu meiner Meinung hätte stehen können. Subjektiv gesehen – habe ich es aber aufgrund des Drucks nicht getan. Denn mit der Karotte der nächsten Beförderungsstufe vor der Nase, mit der Angst vor negativen Konsequenzen und mit der Gewissheit, dass meine Opposition  nichts an der Lage ändern würde, habe ich mich für “Ja” entschieden. Ich habe einfach den Weg des geringsten Widerstands gewählt.

Aber trotzdem hasste ich diese Situationen. Gegen meine Überzeugungen zu handeln war und ist für mich eine der frustrierendsten Sachen überhaupt.

Und genau in dieser Situation vor mehr als 5 Jahren habe ich angefangen, über meineKündigung als Beamter nachzudenken.

Ich war gerne Polizist und auch das IT-Produktmanagement passte perfekt zu mir. Aber gerade dieser Zwang in manchen Situation “lügen zu müssen“, veranlasste mich zu einem Stellenwechsel innerhalb meiner Behörde. Ich ging in eine Position, in der ich weniger Verantwortung hatte.

Das, was ich damals erlebt hatte, hat der Wirtschaftsdenker Reinhard K. Sprenger in seinem Buch Die Entscheidung liegt bei dir!* in einem wunderschönen Satz zusammen gefasst, den ich mir einfach geklaut habe:

Wer ‚Ja‘ sagt, obwohl er ‚Nein‘ meint, der hat ein Problem.

Reinhard K. Sprenger

Und so begann ich, mit der Zeit alles bisher erreichte in Frage zu stellen. Erst leise und dann mit der Zeit immer lauter, stellte ich mir wieder und wieder die gleichen Frage:

Bin ich zufrieden mit dem was ich mache?

Nein!

Und wie ich an anderer Stelle schon geschrieben habe, war ich nicht bereit, diesen Zustand weiter zu akzeptieren.

Abenteuer Höherer Dienst?

Da ich unzufrieden war, gleichzeitig aber mehrere Empfehlungen für den Höheren Dienst und die entsprechenden Noten hatte, konnte ich mich 2014 für den Aufstieg bewerben. Die schriftlichen Tests passierte ich mit Bravour, im Assessment Center lief es für mich aber nicht ganz so gut. Ich verfehlte die Marke knapp, bekam aber ein gutes Feedback und die Empfehlung es in zwei Jahren noch mal zu probieren.

Okay, also ein Lackkratzer, kein Totalschaden. Macht alles nichts! Das Leben geht weiter! Mein Chef hat mich dann zu Förderungszwecken in eine Projektgruppe mitgenommen.

Außerdem habe ich angefangen, meine und andere Chefs genauer zu beobachten. Was machen die genau? Wie reden sie? Wie reden sie über ihre Arbeit? Wie reden sie über uns? Und genau das war die Zeit, in der sich mein Wunsch zu kündigen und etwas anderes zu machen, immer weiter manifestierte.

Ich hatte einen super Chef und er ist bestimmt nicht der Grund warum ich gehe. Aber wollte ich wirklich das machen, was er macht? Nein!

Denn zwei Dinge habe ich gelernt:

  • Mit zunehmender Hierarchiehöhe werden Entscheidungen immer mehr von der Realität abgekoppelt und dann Top-Down durchgedrückt.
  • Jedes Kästchens im Organigramm schaut zunächst, dass es genug von irgendetwas hat. Falls Zeit übrig bleibt, schaut es wo es noch mehr davon bekommen kann. An die anderen Kästchen wir nur gedacht, wenn es einem selbst einen unmittelbaren Nutzen bringt.

Wunderbar Moritz, für diese Erkenntnis brauchst du also mehrere Jahre? Herzlich Willkommen in der Realität, du naiver Schöngeist!

Nicht ganz! Denn natürlich “weiß” jeder, dass das so ist. Aber ich habe es auch am eigenen Leibe gefühlt. Ich habe es selbst erlebt und das ist etwas vollkommen anderes.

Und es ist ein großer Unterschied, ob du etwas theoretisch weißt oder ob du es wirklich verstanden hast!

Ich habe es verstanden! Die Erkenntnis, dass es so ist und dass der Einzelne nichts dagegen tun kann, hat mich immer weiter in meinem Wunsch bestärkt, zu gehen.

Ich habe gestandene Frauen und Männer in Führungspositionen gesehen, die einfach so zu einem “Ja” gezwungen wurden, obwohl sie “Nein” meinten. Und ich habe erlebt, wie selbst die Chefs von der nächst höheren Hierarchieebene teilweise vorgeführt wurden.

Und das Schlimme: du kannst daran nichts ändern! Solange du in einem streng hierarchischen System bist, wird es immer wieder so sein!

Was tun?

Akzeptiere ich das für den Rest meines Lebens?

Nein!

Als ich soweit war,  kam erst mal ein tiefes Loch. Wildes Rauschen. Wilde Konfusion. Aber ich wusste, ich kann in diesem System nicht zufrieden werden. Ich war nie der große Freigeist, aber trotzdem ist es ist mir wichtig, mein eigener Chef zu sein. Mit anderen Worten, ich mag es nicht, wenn andere über mich bestimmen. Ich mag es nicht, zu einem „Ja“ gezwungen zu werden.

Wenn du das für dich eingesehen hast, dann stellst du fest, dass der öffentliche Dienst nicht so wirklich das Richtige für dich ist.

Und was jetzt?

Um diese Frage zu beantworten, musste mir natürlich erst mal klar werden, was mich überhaupt stört. Hab ich „nur“ den falschen Job in meiner Behörde? Kann ich die Behörde wechseln? Gibt es etwas anderes, was ich hier tun kann?

„Irgendwann findet jeder seine Nische …“ ist ein oft gehörter Satz in meiner ehemaligen Behörde. Anfangs habe ich daran auch noch geglaubt.

Als ich aber festgestellt haben, dass mein Problem das System und die Kultur in meiner Behörde, ja sogar im öffentlichen Dienst generell ist, schwanden meine Optionen zur Veränderung enorm.

Dann ist es egal wo ich hingehe, ob ich Sachbearbeiter bleibe oder Chef werde, dann sitze ich immer wieder im gleichen Käfig.

Denn egal wie hoch ich steige oder wie weit ich innerhalb des Systems laufe, “irgendwann kommt einer und kackt mir auf den Kopf!”

Als ich diesen Satz zu einem meiner Chefs gesagt habe, hat er gelächelt und gesagt: „Naja, ich würde es vielleicht anders ausdrücken, aber im Prinzip haben Sie recht!“

Und obwohl im Prinzip alles klar zu sein schien, hab ich mich gedreht und gewendet und die inneren Kritiker kamen wieder und haben ordentlich Rabatz gemacht:

Werd doch vernünftig!
Du bist erfolgreich! Schmeiß das nicht weg!
Es wird auch wieder besser!
Sei zufrieden, mit dem was du hast!
Du wirst hier was finden, was dich ausfüllt!

Und so weiter! Ich wusste die Antworten, ich ahnte die Lösung und trotzdem war ich hin- und hergerissen zwischen den Gedanken weiter zumachen und auf bessere Zeiten zu hoffen oder zu gehen.

Mein Entschluss zur Kündigung

Und irgendwann war es dann soweit! Und auf einem Flipchart in Bayern stand der Satz:

In fünf Jahren habe ich, außerhalb meiner Behörde, einen Job der mich ausfüllt.

November 2015

Bähm … das war’s! So einfach geht’s. Hat mich nur 3 Jahre gekostet, diesen Entschluss zu fassen.

Dieser Satz war ein Vertrag mit mir selbst. Er war nicht aus einer Laune heraus entstanden, sondern das Produkt harter Arbeit. Es war auch eine Entscheidung, obwohl ich noch nicht wusste, was danach kommen sollte. Es war eine ganz klare „weg von“ Entscheidung. Mein “hin zu” war mir damals noch nicht klar.

Das, was ich habe, macht mich unzufrieden und deshalb muss ich etwas anderes machen.

Jetzt, nach weiteren zwei Jahren, habe ich im Oktober 2017 als Beamter gekündigt. Bleiben noch knapp drei Jahre um an der ausfüllenden Tätigkeit zu arbeiten. Einer der ersten Schritte ist dieser Blog.

Es war ein langer Weg von den ersten Zweifeln bis zu meiner Kündigung. Ob ich schneller hätte sein können, weiß ich nicht. Aber jetzt fühlt es sich gut an. Jetzt weiß ich, dass ich für mich den richtigen Weg gehe!

Ich werde mehr „Ja“ sagen, wenn ich „Ja“ meine!

Und du?

Du bist auf dieser Seite gelandet und hast bis hierhin gelesen. Das freut mich! Denn es bedeutet entweder, dass du mich kennst und dich dafür interessierst was meine Motivation war zu gehen.

Oder du bist momentan in einer ähnlichen Situation, wie ich es damals war. Dann bist du herzlich willkommen.

Ich kenne das Gedankenkarussell zu Job-Wechsel, Beamten-Kündigung und der Frage „Was will ich eigentlich?“ aus eigener Erfahrung bis zum Erbrechen. Was mich zu diesem Blog motiviert hat, ist die Tatsache, dass es tausenden Menschen, egal ob Beamten oder nicht, genauso geht. Du steckst in einer Situation fest, in der du unzufrieden bist, siehst aber keinen Ausweg. Aber das ist falsch! Es gibt immer einen Ausweg. Es kann dauern, bis du ihn findest. Aber nicht loszugehen, dich nicht zu bewegen ist in jedem Fall das Schlechteste, was du tun kannst.

Was ich mir damals gewünscht habe, war eine Gemeinschaft aus Gleichgesinnten. Leute mit denen man sich austauschen kann und die mich pushen, wenn ich selbst mal durchhänge.

Wenn du auch über eine berufliche Veränderung nachdenkst, dann lade ich dich ein, einen Teil des Weges gemeinsam zu gehen. Nicht immer muss am Ende die Kündigung stehen. Vielleicht gibt es eine andere, viel bessere Lösung für deine Situation. Nur starten musst du! Und warum nicht jetzt!

Hau den ersten Stein um und fang einfach an!

Moritz

PS: All Life is yours – Das Leben gehört dir!

PPS: Ich empfehle jedem, der sich Gedanken zu mehr Selbstverantwortung im Leben macht, das Buch Die Entscheidung liegt bei dir!* von Reinhard K. Sprenger. Er ist gnadenlos dabei, aufzudecken, wie wir uns oft selbst in Abhängigkeit begeben und dann darüber schimpfen!

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