Wie der Beamtenstatus für einzelne Lehrer (und alle anderen Beamten) zur bösen Falle werden kann

Eine Entscheidungshilfe für angehende Lehrerinnen und Lehrer sowie für verbeamtete Lehrerinnen und Lehrer mit dem Wunsch nach einem Berufswechsel

Lehrerbedarf heute und vor dreißig Jahren

Für die von der Lehrermassenarbeitslosigkeit der achtziger und neunziger Jahre geprägten Lehrerinnen und Lehrer der Baby-Boomer-Generation galt der Beamtenstatus noch als höchlich erstrebenswert.

Doch die Zeiten haben sich geändert: Der Lehrerberuf ist derzeit der meistgesuchte Beruf in Deutschland, und Absolventinnen und Absolventen mit einem Zweiten Staatsexamen können sich ihre Schulen nach Belieben aussuchen. Aber trotz – oder gerade wegen – des aktuellen Lehrermangels verschlechtern sich die Arbeitsbedingungen für Lehrer an sehr vielen deutschen Schulen in einem rasanten Tempo, was die Gesundheit vieler Lehrerinnen und Lehrer in einem alarmierenden Maße belastet.

Denn die Lehrerinnen und Lehrer an der Basis des deutschen Schulsystems sind es, die als Staatsdiener das Versagen der Politik in den vergangenen Jahrzehnten ausbaden müssen, ohne dass sie sich auf wirksame Weise gegen extrem belastende Arbeitsbedingungen wehren dürfen.

Dieser Artikel beleuchtet, auf welche Weise der Beamtenstatus, der für manche sicherlich noch immer Vorteile mit sich bringen mag, für einzelne Lehrerinnen und Lehrer zur Falle werden kann, die häufig erst dann zuschnappt, wenn es für die Betreffenden zu spät ist. (Einen Artikel zur Abwägung der Vor- und Nachteile des Beamtenstatus findet man z.B. auf der Seite Gehalt, [www.gehalt.de]).

Das ist ein Gastbeitrag von Quecksilber. Sie ist eine 55 Jährige Gymnasiallehrerin aus Baden-Württemberg; sie weiß also, wovon sie spricht. Vielen Dank für diesen wunderbaren und ausführlichen Artikel.

Eingeschränkter Grundrechtschutz

Was in deutschen Schulen seit Jahren schleichend begann, ist spätestens seit Beginn des Schuljahres 2018/19 auch in den Medien angekommen und produziert dort nun täglich neue Schlagzeilen: Der Lehrermangel, der mittlerweile droht, das deutsche Schulsystem kollabieren zu lassen.

Die Kultusminister der einzelnen Bundesländer setzen derzeit auf unterschiedliche Notmaßnahmen [www.tagesspiegel.de] , die sich im Grunde einzig und allein in dem Punkt unterscheiden, welche fachlichen Voraussetzungen die Quereinsteiger, die die fehlenden Lehrkräfte in den Klassenzimmern ersetzen sollen, mitbringen müssen; dabei reichen die gewünschten Qualifikationen von „Masterabschluss, Magister und Diplom“ [www.karrierepropeller.de] bis hin zu „Unterrichten statt kellnern“ [www.tagesspiegel.de] in Berlin.

Folgt man der Debatte und betrachtet dabei, welche Bundesländer besonders stark vom Lehrermangel in Mitleidenschaft gezogen sind, so springt ins Auge, dass die Länder, in denen Lehrer über viele Jahre nicht verbeamtet wurden, also z.B. Sachsen, Thüringen und Berlin, besonders betroffen zu sein scheinen.[1]

„Muss Berlin seine Lehrer doch wieder verbeamten, um wettbewerbsfähig zu bleiben?“, so fragt ganz aktuell der Tagesspiegel.

Denn, so wird es von Politikern aller Couleur, aber auch von vielen Lehrerinnen und Lehrern selbst, offenbar einmütig angenommen: Die Verbeamtung ist der Idealzustand, den jeder Lehrer grundsätzlich anstrebt und wofür er denn auch bereit ist, seinen Einsatz an ungeliebten Einsatzorten, wie etwa berüchtigten Brennpunktschulen, in Kauf zu nehmen. Das ist eben der Preis, den jeder Staatsdiener gern bereit ist für den Status seiner Verbeamtung zu bezahlen, so jedenfalls scheint es die unausgesprochene Übereinkunft zwischen dem Dienstherrn einerseits und seinen Bediensteten andererseits zu sein.

Wie hoch dieser Preis aber tatsächlich ist, das wird den meisten Lehrerinnen und Lehrern erst spät bewusst, denn die wenigsten von ihnen dürften zum Zeitpunkt ihrer Ernennung zum Beamten auf Lebenszeit in einer angemessen ausführlichen Weise darüber aufgeklärt worden sein, dass sie mit der Entgegennahme ihrer Ernennungsurkunde auch der Einschränkung ihres Grundrechtschutzes auf Lebenszeit zustimmen. [www.minilex.de]

Tatsächlich ist es so, dass der Beamte bei dem hoheitlichen Akt seiner Ernennung mit der Entgegennahme seiner Ernennungsurkunde, die im Übrigen von Seiten des Beamten widerspruchslos zu erfolgen hat, [wikipedia] stillschweigend der Tatsache zustimmt, dass für ihn von nun an ein Sonderrechtsverhältnis bzw. ein besonderes Gewaltverhältnis zu seinem Dienstherrn besteht. [wikipedia]

Dieses Gewaltverhältnis oder Sonderstatusverhältnis schränkt den Grundrechtschutz des Beamten ein, indem der Dienstherr gegenüber seinem Staatsdiener jederzeit Gebrauch machen kann von besonderen Maßnahmen, die das Dienstverhältnis betreffen.

Zu diesen Maßnahmen gehören Abordnungen und Versetzungen in andere Städte sowie, für Lehrerinnen und Lehrer, an andere Schulen und Schulformen.

Weiterhin regelt das besondere Gewaltverhältnis die Einschränkung der Grundrechte der Beamten hinsichtlich ihrer Meinungsfreiheit und ihrer Koalitionsfreiheit (Streikverbot).

Für welche Staatsdiener aber lohnt es sich, diesen Preis zu zahlen? Und wer zahlt dabei selbst drauf?

Anmerkung von Quecksilber, der Verfasserin: Der folgende Artikel befasst sich mit den Folgen, die verbeamteten Lehrerinnen und Lehrern erwachsen können aufgrund des besonderen Gewaltverhältnises, in dem sie sich durch ihre Verbeamtung ihrem Dienstherrn, dem Staat, unterworfen haben; dabei erheben ihre Ausführungen jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, zumal die Rechtslage in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich gehandhabt bzw. ergänzt sein kann. Quecksilber weist deshalb darauf hin, dass jede bzw. jeder einzelne Betroffene im Falle des Falles unbedingt selbst bei ihrem bzw. seinem Dienstherrn die entsprechenden Informationen zu den einzelnen Punkten selbst in Erfahrung bringen sollte. Dabei vertritt den Dienstherrn für Lehrer die jeweilige Schulbehörde; als Ansprechpartner kommen in Frage die verantwortlichen Dezernenten und der Justiziar, möglicherweise auch entsprechende Gleichstellungsbeauftragte bzw. im Falle einer Erkrankung der Beauftragte der Schwerbehindertenvertretung. Aber Vorsicht: Der Dienstherr ist nicht verpflichtet, dich von sich aus auf bestimmte, für dich möglicherweise vorteilhafte Sachverhalte hinzuweisen, wie z.B. auf das Altersgeld; insofern ist es wichtig, dass du dir im Vorfeld die richtigen Fragen überlegst!

Kinder von Lehrern wollen nicht Lehrer werden

Tatsache ist, dass sich hierzulande anscheinend jeder – gefragt oder ungefragt – über die sogenannten „Privilegien“ der Beamten im Allgemeinen und der Lehrer im Besonderen auslassen kann.

Tatsache ist aber auch, dass immer mehr deutsche Beamte, und zwar aus allen Berufsgruppen, mit wachsendem Unbehagen zu spüren beginnen, dass ihnen aus ihrem anscheinend so privilegierten Status zurzeit auch sehr viele Nachteile erwachsen – Nachteile, von denen sie zum Zeitpunkt ihrer Verbeamtung nichts geahnt hatten und die sich zum Teil auch erst nach längerer Zeit im Berufsleben bemerkbar machen – und zwar meist zu einem Zeitpunkt, wenn es für Viele zu spät ist, das Ruder noch herumzureißen, d.h. selbst auf aktive Weise Einfluss zu nehmen auf den eigenen Werdegang.

So legen zwei Studien aus den Jahren 2010 und 2014 nahe, dass bis zu einem Drittel der verbeamteten Lehrerinnen und Lehrer – und möglicherweise sind es heute, im Jahr 2018, noch viele mehr! – aufgrund ihrer sich rasant verschlechternden Arbeitsbedingungen ernsthaft über einen Berufswechsel nachdenken. Dabei müssen diese wechselwilligen Lehrer allerdings rasch feststellen, dass sie mit ihrem Wunsch nach einem Berufswechsel aufgrund ihres Beamtenstatus auf massive Hindernisse stoßen, von denen die allermeisten Beamten jedoch gar keine Ahnung haben bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie beschließen, sich nach einer neuen berufliche Tätigkeit umzusehen.[2]

Eine grundlegende, wenn auch von den Medien bislang unerwähnte, Ursache für den derzeitigen Lehrermangel dürfte darin bestehen, dass es unter uns gestandenen Lehrerinnen und Lehrern aus der Baby-Boomer-Generation nur sehr wenige geben dürfte, die ihre mittlerweile erwachsenen eigenen Kinder in dem Wunsch bestärken würden, selbst den Lehrerberuf zu ergreifen – schließlich wollen auch wir Lehrer nur das Beste für unsere Kinder!

Die meisten „Lehrerkinder“, so denke ich, dürften schon aus eigenem Antrieb auf den Wunsch verzichten, selbst den Lehrerberuf zu ergreifen, von dem sie ja von klein auf mitbekommen haben, wie stark er ihre Eltern belastet und möglicherweise krank gemacht hat.

Sollte es dennoch wider Erwarten dazu kommen, dass unsere Töchter und Söhne uns „Lehrereltern“ die Idee präsentieren, möglicherweise den Lehrerberuf ergreifen zu wollen, dann werden wohl die meisten von uns dazu neigen, ihre Kinder sanft, aber nachdrücklich von einer glücklicheren Berufswahl zu überzeugen.

Was, wie ich zu meiner Erleichterung in meinem Bekanntenkreis sehe, den meisten von uns auch recht gut gelungen ist: Von den zahlreichen Kindern meiner Lehrerkolleginnen und -kollegen, meine eigenen Töchter eingeschlossen, hat nur eine (!) Tochter einer (!) Kollegin sich tatsächlich dazu entschlossen, Lehrerin zu werden, alle anderen haben gänzlich andere Berufslaufbahnen ergriffen, wie wir Lehrereltern zu unserer Freude feststellen.

Was aber wissen wir verbeamteten Lehramts-Insider, was andere nicht wissen (können)? Welche Entscheidungshilfen geben wir unseren eigenen Kindern mit, die andere nicht bekommen? 

Im Grunde lässt sich das gesamte Für und Wider in Bezug auf den Beamtenstatus im Allgemeinen und für Lehrer im Besonderen in einem einzigen Satz zusammenfassen:

Wenn du dir zu hundert Prozent sicher bist, dass du dein ganzes Leben lang, und zwar die überwiegende Anzahl deiner Berufsjahre in Vollzeit, in diesem Beruf tätig sein möchtest, dann ist das Beamtenverhältnis für dich von Vorteil. In den meisten anderen Fällen nicht. Denn aus dem Beamtenverhältnis wieder hinauszukommen, ist sehr schwer – und je später, desto schwerer.

Willst du dich inspirieren lassen und über alle Neuigkeiten rund um montagsfieber.de informiert bleiben?

Bekommen Sie gratis Email Benachrichtigungen!

Registrieren Sie sich jetzt, um eine Email zu erhalten, wenn ich neue Inhalte publiziere.

Kein Spam und deine Daten sind sicher! Du kannst dich jederzeit abmelden!

Keine Möglichkeit zur Gegenwehr gegen schlechte Arbeitsbedingungen

Über viele Jahre hinweg haben die meisten Schulbehörden es möglichst vermieden, ihren verbeamteten Lehrkräften allzu deutlich vor Augen zu führen, dass diese für ihren Dienstherrn nichts anderes sind als Schachfiguren, die er nach Belieben hin- und herschieben darf.

Unter massiven Druck gesetzt durch den aktuellen Lehrermangel, scheuen sich die Schulbehörden jedoch immer weniger davor, alle ihnen zur Verfügung stehenden Machtmittel gegenüber ihren verbeamteten Lehrkräften einzusetzen: So wird zurzeit in allen Bundesländern eine große Anzahl an verbeamteten Lehrer gegen ihren Willen „abgeordnet“, das heißt, zum Dienst an allen möglichen Schulen und Schulformen befohlen, wo eben gerade Bedarf herrscht.

Obwohl derartige Abordnungen für die einzelnen Lehrinnen und Lehrer immer mit einer Menge Mehraufwand verbunden sind, und zwar sowohl an Fahrerei (also z.B. mehrmals täglich von der Heimatschule zu den Schulen, an die man abgeordnet ist, zu fahren) als auch an zusätzlicher schulischer Arbeit (indem man sich z.B. als Gymnasiallehrer plötzlich auf den ganz und gar unbekannten Grundschulunterricht einrichten und dafür gänzlich neue Unterrichtsmaterialien erstellen muss), beklagen sich verbeamtete Lehrerinnen und Lehrer normalerweise wenig darüber, solange die Abordnungsdienststelle mit dem Auto in einer zumutbaren Zeit zu erreichen ist.

Was allerdings derzeit für Ärger unter vielen Kolleginnen und Kollegen sorgt, sind Abordnungen an Einsatzorte, für die die betreffenden Lehrkräfte möglicherweise sogar einen Umzug in Kauf nehmen müssen. So versetzt die baden-württembergische Kultusministerin Eisenmann seit einigen Wochen verbeamtete Altlehrer in ungeliebte Regionen auf dem Land, weil die frisch ausgebildeten Junglehrer außerhalb der Universitätsstädte keine Stellen anzunehmen bereit sind (denn die Junglehrer dürfen ungeliebte Einsatzorte noch verweigern – sie sind ja noch nicht verbeamtet!).

Die Seite news4teachers zitiert Kultusministerin Eisenmann, die sich zu ihrem besagten Vorgehen gegen die verbeamteten Altlehrer folgendermaßen äußert: „Das ist ungerecht, aber es geht nicht anders.“[www.news4teachers.de]

Über einen verbeamteten Lehrer kann der Staat also entscheiden wie über einen Soldaten – dies wird im Moment vielen Lehrerinnen und Lehrern in allen Bundesländern nur allzu deutlich klar: Denn derzeit bestimmen in vielen Bundesländern nicht die Lehrer selbst, wo, mit wem, an welcher Schule und welcher Schulform sie wie viel und wie lange welche Fächer unterrichten, sondern allein ihre Dienstherrn entscheiden über deren Einsatzort(e) und deren Aufgabenbereiche (so sind z.B. Abordnungen von Gymnasiallehrern an Grundschulen sowie die Verpflichtung zu fachfremdem Unterricht nicht mehr selten. Der NDR spricht in einem Interview mit dem niedersächsischen Philologen-Verbands-Vorsitzenden Audritz von einer „Abordnungskarawane“ [www.ndr.de], wie sie im Übrigen mittlerweile durch fast alle Bundesländer rollt.

Außer über den Einsatzort entscheidet der Dienstherr aber auch immer öfter über die Wochenstundentafeln der Lehrerinnen und Lehrer (indem er Teilzeitanträge immer öfter ablehnt) und über deren Pensionseintrittsalter. [www.news4teachers.de]

Gegen die Weisungen ihres Dienstherrn kann sich eine verbeamtete Lehrkraft nur in Ausnahmefällen wehren, was zu einem echten Problem wird, wenn sich die Arbeitsbedingungen deber Lehrkraft aufgrund von politischen Fehlentscheidungen massiv verschlechtern.

Denn selbst gegen schwierigste Arbeitsbedingungen dürfen sich ein verbeamtete Lehrerinnen und Lehrer nicht wehren – jedenfalls nicht auf wirksame Weise.

Das liegt ganz einfach daran, dass dem verbeamteten Lehrer – wie wohl jeder weiß – das wichtigste und wirkungsvollste Instrument des Arbeitskampfes versagt ist: Nämlich der Streik.

Stattdessen bleibt dem verbeamteten Lehrer einzig die Möglichkeit, sich mit einer Überlastungsanzeige an seinen Dienstherrn zu wenden, um ihm die belastenden Arbeitsbedingungen darzustellen und ihn um Abhilfe zu bitten.

Gibt man im Internet das Stichwort „Brandbrief 2018“ ein, dann wird man gleich mehrere Seiten mit Artikeln zu derartigen Überlastungsanzeigen angezeigt bekommen – und war von Lehrerkollegien aller Schularten und aus allen Bundesländern. Den meisten der entsprechenden Artikel kann der Leser denn auch entnehmen, dass die jeweiligen Brandbriefe keine besondere Beachtung durch den Dienstherrn, an den sie gerichtet waren, gefunden haben (Über einen entsprechenden „Umgang“ der Schulbehörde mit den Brandbriefen der Frankfurter Grundschulen im Jahr 2017 berichtet z..B. eindrucksvoll Lutz Bernhardt von der Frankfurter Neuen Presse [www.fnp.de]).

Als Beispiel möge ein Zitat dienen, das aus der Überlastungsanzeige der Lehrerschaft einer Saarbrücker Gemeinschaftsschule vom vergangenen Jahr stammt:

„Wir stellen seit einigen Monaten eine Zunahme von Respektlosigkeit, Aggressivität und Ignoranz gegenüber dem Lehrpersonal fest“, so heißt es in dem Brief. „Einige Kollegen wurden und werden zum Beispiel als ‚Cracknutte‘, ‚Hurensohn‘, ‚Wichser‘ und ‚Bock‘ beschimpft und die Größe der Geschlechtsteile wird in die Beschimpfungen mit einbezogen. Dabei werden auch Beschimpfungen in fremder Sprache gegen uns gerichtet. Viele Kolleginnen haben Angst, bestimmte Schüler zu unterrichten. Die Brutalität der Schüler habe ein solches Ausmaß angenommen, dass sich Angst im Kollegium breitmache. „Mittlerweile müssen wir bei unseren pädagogischen Maßnahmen immer unseren Eigenschutz im Auge behalten, da wir im Umfeld dieser hoch gewaltbereiten Jugendlichen auch privat leben.“ Die Liste der Gewalttaten sei lang.[www.news4teachers.de]

Obwohl die GEW in einer ähnlichen Aktion bereits im Juni ihre Forderungen an die Landesregierung übermittelt habe, sei «seitdem … eigentlich nichts passiert», sagt der stellvertretende Landesvorsitzende des saarländischen Lehrerverbandes, Michaela Günther. Und das, obwohl Heinz-Peter Meidinger, der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, „sich nach dem Brandbrief von Saarbrücken überzeugt davon zeigt, dass dies kein Einzelfall sei“ – dass also „an vielen anderen Schulen“ in Deutschland Lehrkräfte ähnlichen massiven psychischen und physischen Bedrohungen ausgesetzt seien.

Auf diese Weise ist es über die Jahre in deutschen Lehrerzimmern zu dem typischen, alles durchdringenden Gefühl abgrundtiefer Frustration und Verzweiflung gekommen, das die Gesundheit sehr vieler Lehrerinnen und Lehrer auf immer massivere Weise angreift.

Eine brandaktuelle Studie des Instituts für interdisziplinäre Schulforschung (ISF) zur Lehrergesundheit sollte eigentlich bei allen Betroffenen die Alarmglocken schrillen lassen: Die Autoren selbst formulieren das Ergebnis ihrer intensiven Befragungen an Bremer Grundschulen als „katastrophale Entwicklung“.

„Die Situation an den Schulen ist dramatisch schlecht“, so heißt es in dem entsprechenden Gutachten, „die Belastung liegt im roten Bereich“. Die Autoren klagen an, dass auf diese Weise „eine gerade in den Dienst eingestiegene Lehrergeneration innerhalb kürzester Zeit verheizt sein werde“. Dabei lassen die Verfasser der Studie keinen Zweifel daran, dass ihre an Bremer Grundschulen gewonnenen Erkenntnisse auch für andere Schulen zutreffend seien: „Die Aussagen sind eindeutig und zweifellos auf andere Schulen übertragbar“, heißt es. [www.news4teachers.de]

Wenn man im Internet zum Thema „Lehrergesundheit“ recherchiert, kann man im Übrigen erkennen, dass zu dieser tatsächlich schon seit vielen Jahren drängenden Problematik in den vergangenen fünfundzwanzig Jahren zahlreiche Studien veröffentlicht wurden, die alle zu ähnlich besorgniserregenden Ergebnissen wie die oben angegebene ISF-Studie vom Juni 2018 kommen. (Eine gute Übersicht bezüglich Studien zur Lehrergesundheit bis zum Jahr 2010 bietet: [www.uni-kassel.de])

Den Verantwortlichen in den Kultusministerien dürfte also seit mindestens zwei Jahrzehnten hinreichend bekannt sein, wie hoch die gesundheitlichen Gefahren des Lehrerberufs für die einzelnen Lehrpersonen einzuschätzen sind. Trotzdem ist ganz offensichtlich nichts passiert – im Gegenteil, die Arbeitsbedingungen an allen Schulformen verschlechtern sich mittlerweile in einem derart rasanten Tempo, dass man als Insider nicht mehr umhin kommt anzunehmen, dass die Politik unsere Schulen, trotz aller Bemühungen der dort tätigen Lehrerinnen und Lehrer, in den Kollaps steuern will.

Warum aber passiert nichts an der Basis? Warum wehren sich die Lehrerinnen und Lehrer nicht?[3]

Ganz einfach: Weil sie es nicht dürfen. Weil die Lehrkräfte sich, wie ich oben bereits dargestellt habe, aufgrund ihres Beamtenstatus nicht auf wirksame Weise wehren dürfen gegen miserable und gesundheitsgefährdende Arbeitsbedingungen: Zum Einen dürfen nicht streiken.

Zum Anderen aber, und dies kann für den einzelnen Lehrer noch weitaus schwerer wiegen, können Lehrer auch bei extremer Berufsunzufriedenheit nicht kündigen wie normale Arbeitnehmer, weil das System gegen einen Ausstieg aus dem Beamtenverhältnis derartig hohe Hürden aufgebaut hat, dass es besonders für ältere Lehrerinnen und Lehrer so gut wie unmöglich ist, dieses zu verlassen.

Massive Hürden gegen einen Berufsausstieg

Gegen einen Ausstieg aus dem Lehrerberuf hat das System sehr hohe Hürden aufgebaut, die einen Berufswechsels besonders für ältere verbeamtete Lehrer nahezu unmöglich machen.

Keine anderweitige Verwendung

Die hochaktuelle Studie Lehrkraft ein Leben lang?, verfasst von Diana Druschke und Reingard Seibt im Juli 2017, befasst sich mit den Folgen der hohen gesundheitlichen Risiken des Lehrerberufs für die betroffenen Lehrkräfte einerseits und für die Gesellschaft andererseits und beleuchtet die Frage, auf welche Weise Lehrerinnen und Lehrer mit diesen Gefährdungen für ihre Gesundheit umgehen. [www.dphv.de]

Dabei scheint sich zunächst einmal das altbekannte Vorurteil zu bestätigen, dass nämlich „sehr viele Lehrkräfte aus gesundheitlichen Gründen das gesetzlich vorgesehene Alter für den Eintritt in den Ruhestand nicht erreichen“, was der Gesellschaft, wie die Autoren anfügen, aufgrund der daraus erfolgenden „Frühpensionierung bzw. -verrentung dieser hochqualifizierten Berufsgruppe“ hohe Kosten verursacht. [www.dphv.de]

Was dabei so gut wie kein Mensch – inklusive der meisten (noch) nicht von Berufswechselwünschen betroffenen Lehrer selbst! – weiß, ist, dass den meisten gesundheitlich angeschlagenen Lehrerinnen und Lehrern gar keine andere Wahl bleibt, als sich frühpensionieren zu lassen.

Tatsächlich schätzen viele dienstunfähige Lehrerinnen und Lehrer ihre gesundheitliche Situation so ein, dass sie gerne weiterhin einer geregelten beruflichen Arbeit bei ihrem Dienstherrn nachgehen könnten – nur eben nicht mehr im Lehramt, dessen hohen Belastungen sie sich nicht mehr gewachsen fühlen. [www.welt.de]

Das Beamtenrecht sieht für einen derartigen Sachverhalt in § 26, Absatz 2, eigentlich Folgendes vor: „Zur Vermeidung der Versetzung in den Ruhestand kann der Beamtin oder dem Beamten unter Beibehaltung des übertragenen Amtes ohne Zustimmung auch eine geringer wertige Tätigkeit im Bereich desselben Dienstherrn übertragen werden, wenn eine anderweitige Verwendung nicht möglich ist und die Wahrnehmung der neuen Aufgabe unter Berücksichtigung der bisherigen Tätigkeit zumutbar ist.“[www.michaelbertling.de]

So klar formuliert und einfach die ganze Sache zunächst auch erscheinen mag, stellt sich jedoch in der Praxis ein Wechsel in eine „anderweitige Tätigkeit“, also eine Tätigkeit außerhalb des Unterrichts, für die betroffenen Lehrerinnen und Lehrer als ein mehr oder weniger unmögliches Unterfangen dar.

Denn obwohl das Problem der sogenannten „gescheiterten Lehrer“ oder „failed teachers“ selbstverständlich bei allen Schulbehörden und Kultusministerien hinreichend bekannt ist und auch immer mal wieder mehr oder weniger abseits der Öffentlichkeit diskutiert wird, [www.faz.net] machen doch die Schulbehörden gerade bei Lehrern so gut wie niemals Gebrauch von dem oben genannten Kann-Paragraphen – im Gegenteil, wenn Lehrer ihr Recht auf Weiterbeschäftigung in einer „anderweitigen Verwendung“ durchsetzen wollen, so müssen sie dies anscheinend immer wieder durch langwierige Gerichtsprozesse einklagen. [www.rehadat-recht.de]

Keine Umschulungsmöglichkeiten

„Nun ja“, so mag nun der „normale“, nicht verbeamtete Arbeitnehmer sagen, „wenn der Dienstherr nun einmal keine „anderweitige Verwendung“ für seine gesundheitlich angeschlagenen, verbeamteten Lehrerinnen und Lehrer findet, um diesen einen Arbeitsplatz auch außerhalb des Klassenzimmers zu garantieren, so könnten die Damen und Herren Lehrer sich doch einfach einen anderen Job suchen, indem sie sich, wie jeder gewöhnliche Arbeitnehmer, z.B. umschulen lassen für eine andere Tätigkeit.“

Dazu lässt sich Folgendes sagen: Berufswechselwillige Lehrer, die mit der Idee einer Umschulung anklopfen bei den klassischen Umschulungsträgern, nämlich den Arbeitsämtern und Rentenversicherungsträgern, werden postwendend darüber informiert, dass weder das Arbeitsamt und der Rentenversicherungsträger für Beamte zuständig bzw. in der Pflicht seien – einleuchtend, wenn man bedenkt, dass der verbeamtete Lehrer ja zeit seines Beamtenlebens weder Arbeitslosen- noch Rentenversicherungsbeiträge bei den genannten Institutionen eingezahlt hat.

Indem dem Lehrer dies klar wird, richtet er dementsprechend seinen Blick auf die Behörde, die seit seinem Eintritt in das Beamtenverhältnis für ihn zuständig ist, nämlich seinen Dienstherrn, der sich in der zuständigen Schulbehörde manifestiert.

Dort jedoch wird man den betreffenden Lehrer mit seinem Anliegen bezüglich einer Umschulung ebenfalls abweisen – einfach aus dem Grunde, weil die Umschulung eines verbeamteten Lehrers im Beamtenrecht nicht vorgesehen ist.

Was aber hat der durchschnittliche Lehrer gelernt, außer zu lehren? Nicht viel, so wird ihm plötzlich klar, wenn er seine Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt ernsthaft erwägt:

Zwar können schulnahe Berufe in der Erwachsenenbildung eine Möglichkeit darstellen, aber bereits bei Bewerbungen auf dem pädagogischen Sektor, so wird der berufswechselwillige Lehrer bald feststellen, hapert es sehr oft, da sehr viele potentielle Arbeitgeber nicht einfach einen Lehrer anstatt eines Erziehers oder eines Sozialpädagogen einstellen dürfen; dies ist den pädagogischen Institutionen aufgrund des sogenannten „Kita-Gesetzes“ nicht möglich. [www.bmfsfj.de]

Grundsätzlich nehme ich an, dass Grund- und Förderschullehrer noch am ehesten in die nichtschulbezogenen pädagogischen Berufe Eingang finden können; bei Real- und Gymnasiallehrern dürften die Chancen sich erheblich vermindern.

Eine zusätzliche Ausbildung könnte sicherlich helfen – eine Umschulung eben oder ein Trainee. Aber genau das sieht das Beamtenrecht für seine Staatsdiener nicht vor.

Dementsprechend, so Seibt, ist die Fluktuationsrate im Lehrberuf mit sechs Prozent gering, und, was mindestens ebenso interessant sein dürfte: „Achtzig Prozent der Lehrkräfte, die den Beruf wechseln, realisieren dieses Vorhaben vor dem 10. Berufsjahr.“ [www.dphv.de]

Berufswechsel von Lehrern in der Schweiz

In der Schweiz, die den beruflichen Wechsel von Lehrkräften institutionell unterstützt, nutzt die Hälfte aller Lehrer das Angebot bis zum fünften Berufsjahr für einen Ausstieg aus dem Lehrerberuf

Was würde es bedeuten, wenn der berufliche Wechsel von Lehrkräften institutionell unterstützt würde?

Hierzu lohnt sich ein Blick in unser Nachbarland, die Schweiz, wo der berufliche Wechsel von Lehrern durch staatliche Institutionen unterstützt wird – ein Angebot, das von sehr vielen Schweizer Lehrern angenommen wird.

So stellt die Neue Züricher Zeitung fest, dass in der Schweiz jeder zweite Lehrer nach fünf Jahren aus dem Lehrerberuf aussteigt. Und: Über 17 Prozent der Lehramtsabsolventen kehren dem Lehrerberuf bereits im ersten Berufsjahr den Rücken (in der Schweiz werden Lehrer seit Ende der 90er Jahre nicht mehr verbeamtet).

Es ist auf jeden Fall anzunehmen, dass in Deutschland die Zahlen sehr ähnlich aussähen, wenn die Lehrer vonseiten ihres Dienstherrn die Möglichkeit bekämen, bei Berufsunzufriedenheit oder bei gesundheitlichen Beeinträchtigungen durch den Lehrerberuf diesen zu wechseln.

Durch die fehlende staatliche Unterstützung eines Berufswechsel einerseits und durch die Weigerung der Schulbehörden, Lehrer außerhalb des Klassenzimmers für anderweitige Verwendungen einzusetzen andererseits, bleiben deutschen verbeamteten Lehrern eben nicht die Möglichkeiten, die jedem normalen Arbeitnehmer in diesem Land zur Verfügung stehen, wenn er aus gesundheitlichen Gründen den Belastungen seines Berufs nicht mehr gewachsen ist.

Und eben auf diese Weise ist an deutschen Schulen die vielbeklagte Situation vorprogrammiert, bei der dauerkranke Lehrerinnen und Lehrer ihre Schulen und ihre Kollegien belasten, bis sie denn letztendlich in die Frühpensionierung entlassen werden.

Warum unsere Kultusminister nicht endlich das doch sehr vernünftig erscheinende Schweizer Modell für berufswechselwillige Lehrer übernehmen und stattdessen beharrlich an der oben beschriebenen Beamtenrechtslage (die übrigens für alle deutschen Bundesländer gilt!) festhalten – ein Schelm, wer Böses dabei denkt![4]

Entmystifizierung der sogenannten „Beamtenprivilegien“

Wie die sogenannten „Beamtenprivilegien“, also Befreiung von Sozialabgaben, hohe Pensionsbezüge, die Möglichkeit zu Teilzeitarbeit, private Krankenversicherung und Urlaub ohne Dienstbezüge, sich beim Wunsch nach einem Berufswechsel für Lehrerinnen und Lehrer zur fatalen Fußfesseln verkehren, soll im Folgenden ausgeführt werden.

Keine Sozialabgaben

Keine Sozialabgaben in Form von Arbeitslosen- und Rentenversicherung zahlen zu müssen, erscheint Vielen zunächst der größte aller Vorteile des Beamtenstatus zu sein. Gegenüber den angestellten Kollegen zeichnet sich die Ersparnis der Sozialversicherungsbeträge allmonatlich auf den Gehaltsbescheinigungen der verbeamteten Lehrer ab und sorgt für bei den angestellten Lehrkräften für berechtigten Ärger.

Zum Nachteil wird die Befreiung von der Arbeitslosen- und Rentenversicherung für einen Beamten erst dann, wenn er über einen Berufswechsel nachdenkt. Denn nun muss er nicht nur erkennen, dass für ihn keinerlei Umschulungsmaßnahmen in Frage kommen (siehe oben).

Er kann auch nicht, wie es einem arbeitslosen Angestellten möglich wäre, einen ein- bis zweijährigen Bezug von Arbeitslosengeld dazu nutzen, um sich eventuell für eine neue Tätigkeit zu qualifizieren oder eine mögliche Selbständigkeit aufzubauen.

Denn ein verbeamteter Lehrer, der es wagt, sein Beamtenverhältnis zu kündigen, fällt zunächst einmal ins Nichts: Er erhält nicht nur keinen Cent Arbeitslosengeld, sondern er muss sogar sein letztes Monatsgehalt komplett an seinen Dienstherrn zurückzahlen (weil er als Beamter bereits in seinem ersten Dienstmonat nicht am Ende, sondern am Anfang des laufenden Monats bezahlt worden ist).

In den meisten Bundesländern verliert ein Lehrer bei einem Ausstieg aus dem Beamtenverhältnis über 50 Prozent seiner bis dahin erworbenen Pensionsansprüche!

  1. für die sprichwörtlich fetten Beamtenpensionen, die tatsächlich oft weit über dem allgemeinen Rentenniveau liegen, gilt: Um in ihren vollen Genuss zu kommen, muss der Beamte nach seiner Verbeamtung sein ganzes Leben lang (also bis zu seiner Pensionierung) in Vollzeit in seinem Beruf gearbeitet haben.

Bei Beamten, die vermehrt in Teilzeit gearbeitet haben, gilt, dass ihre Pensionsbezüge sich nicht nach den in den beiden letzten Dienstjahren erworbenen Bezügen errechnen, sondern – wie bei Angestellten auch – nach einem Lebenszeitarbeitskonto; insofern unterscheiden sich die Pensionen langjähriger Teilzeitbeamter von Angestelltenrenten derselben Gehaltsklasse oft nur dann in einem erheblichen Maße, wenn der Angestellte aus seinem Versorgungsverhältnis keine entsprechende betriebliche Altersvorsorge erhält.

Zu einem wirklich schlimmen Nachteil wird die spezielle Art der Beamtenversorgung jedoch für Beamte, die denn tatsächlich aus ihrem Dienstverhältnis aussteigen: Denn sie verlieren mit der Beendigung ihres Dienstverhältnisses mehr als die Hälfte ihrer erworbenen Pensionsansprüche.

Nur einige Bundesländer wie Hessen, Baden-Württemberg, Niedersachsen oder Bremen sowie der Bund bieten ihren ausgestiegenen Beamten die sogenannte „Altersgeldregelung“ an, bei der der Beamte nicht mehr über fünfzig Prozent seiner erworbenen Pensionsansprüche verliert.

Aufpassen, muss du hier aber, dass du in einigen Ländern und beim Bund das Altersgeld bis zum Ausscheiden separat beantragen musst, weil du sonst in die Rentenversicherung nachversichert wirst. Hier ist also Vorsicht geboten.  (Mehr Informationen und eine Linksammlung findest du auch im montagsfieber.de-Artikel: „Was du über Altersgeld für Beamte wissen solltest„)

Teilzeitarbeit

„Weniger als die Hälfte der baden-württembergischen Lehrer arbeiten in Vollzeit. Kinder, Pflege von Angehörigen, aber auch die hohe [berufliche, Anm. der Verfasserin] Belastung sind Gründe für die vielen Teilzeitstellen. “ [www.swr3.de]

Die Zahlen, die der SWR3 hier für Baden-Württemberg nennt, dürften für alle anderen Bundesländer ähnlich aussehen – jedenfalls für diejenigen Länder, in denen aufgrund des Lehrermangels die Teilzeit für Lehrer nicht bereits sehr stark eingeschränkt worden ist wie etwa in Bayern; andere Bundesländer wollen nachziehen. [www.sueddeutsche.de]

Warum aber sind so viele Lehrerinnen und Lehrer bereit, in Teilzeit zu arbeiten und damit auf einen großen Teil, möglicherweise auf die Hälfte, ihres Gehalts zu verzichten?

Die Antwort auf diese Frage ist denkbar einfach: „Viele Lehrer sagen, bei der Belastung im Beruf sei eine Vollzeitstelle gar nicht zu schaffen“, sagt Matthias Schneider, Sprecher der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft Baden-Württemberg. „Sogar Berufseinsteiger würden häufig Teilzeitarbeit beantragen“, sagt Schneider.

Somit ist Teilzeitarbeit für sehr viele Lehrer zum überlebenswichtigen Instrument geworden, um einerseits ihren beruflichen Anforderungen genügen zu können und andererseits dabei ihre eigene Gesundheit wenigstens noch einigermaßen zu schonen.

Und das, obwohl Teilzeitarbeit neben der Minderung des Einkommens, das sich jeweils prozentual zur Vollzeitstelle reduziert, für einen verbeamteten Lehrer weitere massive Nachteile bringt. Von diesen will ich an im Folgenden zunächst einmal denjenigen nennen, den jeder verbeamtete Lehrer bei einer Stundenreduzierung sofort zu spüren bekommt: Nämlich dass sich für den Teilzeitlehrer plötzlich die Relation zwischen seinem Krankenkassenbeitrag und seinem Einkommen ganz enorm zu seinen Ungunsten verändert.

Das liegt ganz einfach daran, dass sich die Beamten aller Bundesländer (außer in Hamburg seit August 2018) nicht in derselben Weise gesetzlich versichern können wie angestellte Arbeitnehmer. Zwar dürfen Beamte einer gesetzlichen Krankenversicherung beitreten, müssen dann aber sowohl den Arbeitnehmer- als auch den Arbeitgeberanteil selbst bezahlen. Das liegt daran, dass der Dienstherr als Arbeitgeber des Beamten eine gesetzliche Krankenversicherung nicht vorsieht. Vorgesehen ist für Beamte stattdessen eine private Krankenversicherung, wobei der Dienstherr hierbei den Arbeitgeberanteil in Form der sogenannten „Beihilfe“ zahlt. [www.mdr.de]

Das Problem dabei ist: Da private Krankenversicherungen keine Solidargemeinschaften sind wie die gesetzlichen KVs, bleibt für das Mitglied der Beitrag für die Privatversicherung immer gleich, egal, ob der Beamte in Vollzeit arbeitet und ein volles Gehalt bekommt oder ob er Teilzeit und damit ein entsprechend reduziertes Einkommen gewählt hat.

Zudem muss der Beamte bei der Privatversicherung für seinen Ehepartner und jedes Kind einen weiteren Krankenkassenbeitrag selbst zahlen, denn die privaten Krankenversicherungen kennen keine Familienmitversicherung. Das Eintrittsalter des Versicherten spielt eine sehr große Rolle bei der Einstufung durch die privaten KVs , und besonders problematisch wird es, wenn der Beamte auf dem Antragsformular für seine Aufnahme Vorerkrankungen angeben muss, denn aufgrund dieser verlangen die Privaten in der Regel sehr hohe Risikozuschläge, die der Beamte natürlich allein zu tragen hat.

Nimmt man also an, dass ein Gymnasiallehrer bei einer vollen Stelle um die 4600 Euro brutto verdient, so erscheint ein Beitrag von 200 – 600 Euro (die Beitragshöhe hängt bei den privaten KVs von vielen Faktoren ab und kann daher von Fall zu Fall sehr unterschiedlich ausfallen) für eine private Krankenversicherung nicht übermäßig hoch. Reduziert sich jedoch sein Gehalt durch Teilzeitarbeit auf die Hälfte, also auf ca. 2300 Euro brutto, dann schmerzt ein Krankenversicherungsbeitrag von 200 – 600 Euro doch mehr.

Währt die Teilzeitarbeit über längere Zeit, sinken zudem die Pensionsansprüche des Beamten drastisch ab, weil sie in diesem Fall wie bei einem Angestellten nach einem Lebenszeitkonto berechnet werden.

Teilzeit wirkt sich natürlich auch negativ aus bei einer Bewerbung auf sogenannte Funktionsstellen, denen die Eingruppierung in eine höhere Gehaltsklasse folgt.

Teilzeitlehrer wenden verhältnismäßig mehr Zeit auf für außerunterrichtliche Dienstverpflichtungen, wie etwa Dienstbesprechungen und Konferenzen, Schulfeste, Bundesjugendspiele, Klassenleiterveranstaltungen, Teamgespräche, pädagogische Tage, Studientage usw..

Außerdem ist es für Teilzeitkräfte, besonders an Gymnasien, oftmals nicht leicht, immer „am Ball zu bleiben“, vor allen Dingen, was die sehr anspruchsvolle Arbeit in der Oberstufe betrifft.

Dass trotz all dieser Nachteile, die jeder Lehrer nur allzu gut kennt, so viele Kolleginnen und Kollegen über viele Jahre, und oftmals lebenslang, in Teilzeit arbeiten, um ihre Gesundheit zu schonen und um sich einen Rest von Lebensqualität zu bewahren, sollte zu denken geben.

Private Krankenversicherung

Obwohl gemeinhin angenommen wird, dass Beamte durch ihre private Krankenversicherung Vorteile haben, wenn es um ärztliche Behandlungen und Therapien geht, so stimmt dies doch keineswegs für psychische und psychosomatische Erkrankungen. Hierbei werden erkrankte Beamte durch ihren Dienstherrn, also den Staat, sogar sehr stark vernachlässigt, weil ihnen die Beihilfe medizinisch notwendige Behandlungen entweder ganz verwehrt oder weil die Beihilfestelle den erkrankten Beamten so lange auf die Behandlung warten lässt, dass seine Krankheit sich verschlimmern kann.

In einem Artikel von August 2015 erläutert die Welt in ausführlicher Weise diesen, für viele Leser sicherlich überraschenden, Sachverhalt: „Das [Finanzieren einer Therapie zur Behandlung psychischer und psychosomatischer Beschwerden aus eigenen Mitteln, Anm. der Verfasserin] aber können sich viele Beamte in einfachen Dienstverhältnissen nicht leisten – zumal dann, wenn es nicht nur um einen Entspannungskurs geht, sondern darum, eine Depression oder einen akuten Burn-out im Krankenhaus zu behandeln. Denn das ist teuer. Oberbergkliniken-Geschäftsführer Middendorf sagt, unter den Patienten in seinen Kliniken seien überproportional viele Lehrer. „Das liegt daran, dass sie sich, anders als viele andere Beamten, wegen ihrer vergleichsweise höheren Gehälter eine private Zusatzversicherungen leisten können. Diese Versicherungen zahlen einen großen Teil der Differenz zur Behandlung in öffentlichen Kliniken.“ Die Preise sind stattlich: Eine Burn-out-Therapie in der Klinikgruppe kostet rund 500 Euro am Tag und dauert vier bis sechs Wochen. Je nach ihrer Versicherungssituation müssen die Patienten zwischen 50 und 200 Euro pro Tag selbst zahlen.“ [www.welt.de]

Dabei sollte betont werden, dass es nicht die privaten Krankenversicherungen sind, die ihrem kranken Mitglied medizinisch notwendige Therapien und Behandlungen verweigern, sondern die Beihilfe, also der vom Dienstherrn eingerichtete staatliche Zuschuss zur Krankenversicherung des Beamten!

Dass sich der De-Facto-Zwang zur privaten Krankenversicherung, besonders für verbeamtete Teilzeitkräfte, durchaus nachteilig auswirken kann, habe ich oben bereits beschrieben.

Als echte Katastrophe und fatale Fußfessel allerdings erweist sich die private Krankenversicherung für einen verbeamteten Lehrer, der Wunsch nach einem Berufswechsel hegt, besonders dann, wenn der berufswechselwillige Lehrer das 55. Lebensjahr bereits überschritten hat. Denn ab diesem Alter darf er – auch bei Eingehen eines Angestelltenverhältnisses! – nicht mehr einer gesetzlichen Versicherung beitreten und muss bei seinem Austritt aus dem Beamtenverhältnis demensprechend nicht nur seinen bisherigen Krankenversicherungsbeitrag an seine Privatversicherung zahlen, sondern dazu auch noch den gesamten Arbeitgeberanteil, da ja die Beihilfe, die diesen Anteil bis dahin ausgeglichen hatte, nach dem Ausstieg aus dem Beamtenverhältnis wegfällt: Auf diese Weise kann für den ehemaligen Beamten leicht ein monatlicher Beitrag von achthundert Euro und mehr an seine private Krankenversicherung fällig werden.

Wenn der ausscheidende Beamte unter 55 Jahre alt ist, darf er, sollte er z.B. in ein Angestelltenverhältnis wechseln, einer gesetzlichen Krankenversicherung beitreten und er wird von seiner gesetzlichen KV dann bis zum Eintritt ins Rentenalter genauso behandelt (und berechnet) wie jedes andere Mitglied.

Nach seinem Eintritt in die Rente jedoch wird für den ehemaligen Beamten bei seiner gesetzlichen Versicherung der doppelte Betrag zu dem, was ein lebenslang bei der gesetzlichen KV versichertes Mitglied zahlen muss, fällig; es sei denn, der ehemalige Beamte schafft es, in die sogenannte „9:10-Regelung“ zu gelangen (wenn der Beamte ab seinem Eintritt in das Berufsleben immer 9 von 10 Jahren gesetzlich versichert war, dann wird er genauso behandelt wie ein lebenslang gesetzlich versichertes Mitglied); die 9:10-Regelung trifft allerdings meist nur für Beamte zu, die allein während ihres Referendariat privat versichert waren und die sich danach gesetzlich versichert haben.

Urlaub ohne Dienstbezüge

Die Möglichkeit eines „Urlaubs ohne Dienstbezüge“ für Beamte, zum Erziehen von Kindern und zum Pflegen von Angehörigen, aber auch „aus arbeitsmarktpolitischen Gründen“, wird immer wieder als besonderes Privileg hervorgehoben.

Urlaub ohne Dienstbezüge bedeutet, dass der Beamte sich beurlauben lassen kann und dass sein Arbeitsplatz, z.B. an seiner Schule, sowie seine bis dahin erworbenen Pensionsansprüche, ihm trotz seines Sonderurlaubs erhalten bleiben.

Im Urlaub ohne Dienstbezüge bekommt der Beamte kein Gehalt und erwirbt auch keine Pensionsansprüche; außerdem hat er auch keinen Anspruch auf Beihilfe, was bedeutet, dass die Beiträge an seine private Krankenversicherung sich während dieser Zeit für ihn verdoppeln.

Was den Urlaub ohne Dienstbezüge für die meisten Beamten aber vollständig uninteressant macht, ist, dass sie während dieser Zeit keinerlei Erwerbstätigkeit nachgehen dürfen. Sie dürfen also während der gesamten Zeit ihres Urlaubs kein oder kaum Geld verdienen (in Hessen liegt die Höchstgrenze bei 1200 Euro im Jahr!) und müssen demensprechend während ihres Urlaubs entweder von ihrem Ersparten leben oder sich von einem reichen Ehepartner unterhalten lassen.

Insofern ist der Urlaub ohne Dienstbezüge höchstens eine Option für Beamte mit einem dicken Bankkonto und bietet für einen Lehrer mit dem Wunsch nach einem Berufswechsel keinerlei Möglichkeit für eine sinnvolle berufliche Neuorientierung.

Burnout

Die Verzweiflung der betroffenen Lehrerinnen und Lehrer an ihrem Beruf beginnt fast immer als schleichender Prozess, der sich über viele Jahre hinziehen kann. Innerhalb dieses Zeitraums versuchen die meisten der Betroffenen mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln, zunächst eigene Wege aus ihrer belastenden Situation zu finden.

Der erste Schritt ist dabei meist eine Stundenreduzierung zur Senkung der Arbeitsbelastung. Dass so gut wie alle Lehrerinnen und Lehrer dafür die oben aufgeführten gravierenden Nachteile klaglos in Kauf zu nehmen bereit sind, liegt vermutlich vor allen Dingen daran, dass die meisten Lehrkräfte die „Schuld“ für das Nachlassen ihrer psychischen und physischen Widerstandskräfte zunächst einmal bei sich selbst suchen, nach der Devise „Ich bin eben nicht belastbar genug, dann muss ich mich eben mit weniger zufrieden geben“.

Ihre Stundenreduzierung nutzen die meisten Lehrerinnen und Lehrer zunächst dazu, ihre persönliche Lebensführung gesünder zu gestalten, etwa durch mehr Bewegung und gezielte Entspannungsphasen, aber auch, um den eigenen Unterricht wieder interessanter zu gestalten und den Schüler/-innen auf diese Weise pädagogisch wieder gerecht werden zu können, was ihnen vorher aus Zeitgründen gar nicht möglich war.

Das Rezept des freiwilligen Gehaltsverzichts zugunsten der eigenen Gesundheit und der eigenen Unterrichtsqualität funktioniert für die meisten Lehrerinnen und Lehrer einige Jahre lang gut, so dass diese Lehrkräfte innerhalb des Systems lange genug überleben können, um sich von den mittlerweile unzähligen „Störfällen“, die den Schulalltag aller Lehrkräfte und ihrer Schüler heute bestimmen, langsam, aber sicher zermürben zu lassen.

Lutz Bernhardt, Stellvertretender Chefredakteur der Frankfurter Neuen Presse, nennt in einem Artikel von März 2018 „politisches Versagen“ treffsicher als den Kern all dieser „Störfälle“ und nimmt sich der entsprechenden Fakten zielgenau an: „Dass eine Schule an das Staatliche Schulamt eine sogenannte Überlastungsanzeige stellt, gehört praktisch zum Alltag – alleine von Januar bis November 2017 haben 11 von 15 Frankfurter Gesamtschulen zu diesem Mittel gegriffen.“

Dabei stellt der Autor unmissverständlich klar, dass solche Überlastungsanzeigen nicht von Lehrern unterschrieben würden, die „mal einen schlechten Tag“ gehabt hätten. Stattdessen führt er aus, dass derartige Anzeigen nach dem Arbeitsschutzgesetz bedeuten, „dass die Lehrer ihre Gesundheit und Sicherheit unmittelbar gefährdet sehen“.

Bernhardt bringt auf den Punkt, was viele der betroffenen Lehrerinnen und Lehrer überhaupt erst langsam zu ahnen beginnen: „Das Chaos“, so Bernhardt, „hat System“ und es ist, wenn nicht politisch gewollt, so doch auf jeden Fall politisch verursacht, weil der politische Wunsch (nach Integration, Inklusion und vermehrten Erziehungs- und Dokumentationsaufgaben durch die Lehrer generell) nicht mit der schulischen Realität zusammenpasst, die da heißt: Viel zu wenige Lehrerinnen und Lehrer, kaum Förderlehrer, Sozialpädagogen und Psychologen bei einer wachsenden Anzahl an Schülern, in deren Elternhäusern Kindererziehung wenig oder gar nicht stattfindet . Vor allen Dingen jedoch fehlen „Leitlinien, die verbindlich regeln, wie genau beispielsweise Inklusion und Integration pädagogisch und organisatorisch umgesetzt werden sollen“. Zusammenfassend erklärt Bernhardt, dass die Politik die Lehrer mit den von ihr selbst verordneten Mammutaufgaben alleine lässt: “ Es fehlt vor allem aber die Bereitschaft seitens der Politik, sich ideologiefrei mit den Problemen an der Basis zu beschäftigen“. Bernhardt weist auf die gefährlichen Auswirkungen hin, die dieses Politikversagen für die derzeitige Schülergeneration, aber auch für unsere gesamte Gesellschaft nach sich ziehen wird, weil eine fehlende Schulbildung nämlich, wie Bernhardt unmissverständlich darstellt, „den Nährboden für Demagogen“ bildet. [www.fnp.de]

Tatsache ist: Die reine Arbeitsbelastung durch originäre unterrichtliche und schulische Verpflichtungen kann eine Lehrkraft noch abfedern durch eine entsprechende Stundenreduzierung. Gegen die politisch gewollten Widersprüchlichkeiten, die den Alltag jeder Schule heute prägen, kann eine Stundenreduzierung jedoch nicht helfen: Einem Chaos, das System hat bzw. das vom System möglicherweise sogar so gewollt ist, kann kein noch so guter Lehrer etwas entgegensetzen, stattdessen wird er sich langsam, aber sicher, an den Widersprüchlichkeiten aufreiben, um irgendwann gesundheitlich schlapp zu machen.

Während dieser Phase, die bei den meisten verbeamteten Lehrern meiner Generation zwischen zwanzig und vierzig Jahren dauern mag, verbrauchen die Lehrkräfte ihre Lebenskraft in einem sprichwörtlichen Kampf gegen die Windmühlen und viele ruinieren dabei ihre seelische und körperliche Gesundheit. Wenn sie dann mit Mitte Fünfzig oder älter erkennen, dass sie so nicht mehr weiter können, dass ihnen ihr Dienstherr aber nicht nur die Möglichkeit zu einer Umschulung, sondern auch jede Art von Tätigkeit außerhalb des Klassenzimmers verweigert bzw. ihr spezielles Dienstverhältnis ihnen einen Berufswechsel nahezu unmöglich macht, bleibt ihnen am Ende nur der Weg in die Frührente.

Frühpensionierung

Der einzige Ausweg aus dem Lehrerberuf, den das System vorsieht, ist der dornige und demütigende Weg in die Frühpensionierung.

Dieser Weg, der eigentlich durch das Beamtenrecht klar definiert ist, wird heute von vielen Schulbehörden de facto auf raffinierte Weise vernebelt, so dass gerade gesundheitlich angeschlagene Lehrkräfte ihn von alleine gar nicht erkennen bzw. durchhalten können – es ist grausam mit anzusehen, mit welch schweren, teils tödlichen Krankheiten, sich viele Lehrerinnen und Lehrer jeden Tag noch in den Unterricht schleppen.

Weil die Schulbehörden es oft vermeiden, erkrankten Lehrerinnen und Lehrern die für sie zuständigen Ansprechpartner, nämlich die Schwerbehindertenvertreter, zu nennen, haben sich mittlerweile private Anwaltsbüros des Problems angenommen und bieten kranken Lehrkräften gegen ein entsprechendes Entgelt ihre juristischen Dienste beim Weg in die Frührente an. (Michael A. Else, Dossier Streitfall Dienstunfähigkeit, in: www.News4teachers.de und http://lehrer-fruehrente.de/)

Grundsätzlich gilt, dass der Weg in die Frührente für Lehrerinnen und Lehrer heute meist dornig ist und dass die Betreffenden einen guten Coach brauchen können, um ihre Ansprüche durchzusetzen.

Was will ich dir raten?

Wenn ein junger Menschen überlegt, ob er bzw. sie den Lehrerberuf ergreifen soll, geht es immer um zwei Entscheidungen: Zunächst einmal geht es darum, dass du dir darüber klar wirst, ob du überhaupt Lehrerin bzw. Lehrer werden willst oder nicht. Danach solltest du dann entscheiden, ob du im Angestelltenverhältnis arbeiten möchtest oder ob du einen Beamtenstatus anstrebst.

Die grundsätzliche Überlegung lautet dabei:

Wenn du dir zu hundert Prozent sicher bist, dass du dein ganzes Leben lang, und zwar die überwiegende Anzahl deiner Berufsjahre in Vollzeit, in diesem Beruf tätig sein möchtest, dann ist das Beamtenverhältnis für dich von Vorteil. In den meisten anderen Fällen nicht. Denn aus dem Beamtenverhältnis wieder hinauszukommen, ist, wie ich oben ausgeführt habe, sehr schwer – und je später, desto schwerer.

Bereits während deines Referendariats solltest du also immer wieder innehalten und für dich selbst die Frage überprüfen: Will ich mein ganzes Leben lang als Lehrer arbeiten, und zwar in Vollzeit?

Du kannst diese Frage zu einem Meditationsobjekt machen, das dich während deines ganzen Referendariats begleitet: Will ich mein ganzes Leben lang in Vollzeit als Lehrer arbeiten?

Dabei solltest mit aller Achtsamkeit auf deine innere Stimme hören – denn in der Raserei des Referendars-Alltags wird es dir oft so vorkommen, als würdest du inmitten einer Gruppe Lemminge einfach nur von Unterrichtsbesuch zu Unterrichtsbesuch rasen, von Prüfung zu Prüfung hetzen.

Wenn die Antwort, die du dir selbst auf deine Frage gibst, überwiegend mit „Ja“ ausfällt, dann kannst du dich ja nach deinem Referendariat zunächst einmal verbeamten lassen.

Aber auch nach deiner Verbeamtung solltest du dir weiterhin täglich die Frage stellen: Will ich mein ganzes Leben lang in Vollzeit als Lehrer arbeiten?

Denn während der ersten zehn Jahre im Lehrerberuf bekommst du einerseits viele Einblicke, die du als Referendar noch nicht bekommen konntest, andererseits bietet dir dieser Zeitraum, also die Zeit bis Mitte oder Ende Dreißig, noch eine gute Möglichkeit für einen selbständig organisierten Berufswechsel oder den Aufbau einer Selbständigkeit. Zwar werden dir das Arbeitsamt und deine Schulbehörde bei deinem Berufswechsel nicht helfen, wie ich ja oben dargelegt habe, aber die klassischen „Beamtenfesseln“, die mit jedem weiteren Jahr schwerer zu lösen sind, können während der ersten zehn Jahre deiner Beamtenzeit noch leichter durchgeschnitten werden.

Im Klartext bedeutet das, dass du in jungen Jahren, also vor deinem 55. Lebensjahr, noch in eine gesetzliche Krankenversicherung wechseln darfst. Du hast, wenn du dich früh genug für deinen Wechsel entscheidest, möglicherweise noch dreißig Jahre vor dir, in denen du in eine gesetzliche Rentenkasse einzahlen darfst (denn deine als Beamter erworbenen Pensionsansprüche halbiert der Staat ja nach deinem Ausstieg, jedenfalls in den meisten Bundesländern!). Wenn du mit Mitte bis oder Ende Dreißig oder sogar noch in deinen Vierzigern aussteigst, hast du die „finstere Fünfzig“ noch nicht überschritten – denn es ist wohl ein offenes Geheimnis, dass Arbeitnehmer, die die Fünfzig überschritten haben, oftmals nur noch sehr schwer eine Arbeitsstelle finden. Und nicht zuletzt hättest du (hoffentlich) bis dahin noch keinen Lehrer-Burnout entwickelt und dürftest noch entsprechend jung und unverbraucht sein für einen Neustart!

Hoffentlich hat mein Artikel dazu beigetragen, dir, lieber Leser, bei deiner Entscheidungsfindung ein wenig zur Seite zu stehen.

Auf jeden Fall wünsche ich dir und allen anderen angehenden Lehrerinnen und Lehrern alles Gute, ganz egal, wie eure Entscheidung am Ende ausfallen wird!

Quecksilber

Anmerkung von montagsfieber.de: Dieser Artikel ist ein Gastartikel von Quecksilber. Sie möchte anonym bleiben. Wenn du mit ihr in Kontakt treten willst, tue das bitte über die Kommentarfunktion oder schreibe mir eine Nachricht an moritz@montagsfieber.de.

Wenn du auch einen Gastartikel auf montagsfieber.de veröffentlichen möchtest, nimm gerne mit mir Kontakt auf.

weitere Quellen:

[1] „Wegen des Lehrermangels und aus wahltaktischen Gründen sind aber fast alle Länder zur Verbeamtung zurückgekehrt: zuerst Schleswig-Holstein, zuletzt Sachen, dazwischen Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und weitere Länder. Einzig Berlin hält an der Nichtverbeamtung fest und versucht den Standortnachteil durch höhere Angestelltengehälter zu kompensieren.“, in: www.tagesspiegel.de/

[2]  Eine Studie der Hardtwald-Klinik aus dem Jahr 2018 kommt zu dem Ergebnis, dass knapp 24 % aller von Ihnen befragten Gymnasiallehrerinnen und -lehrer den Wunsch nach einem Berufswechsel ausdrücken; ein Artikel in der Frankfurter Allgmeinen Zeitung aus dem Jahr 2014 gibt sogar ein, dass ein Drittel aller Lehrer sich in ihrem Beruf unglücklich, weil in ihrem Beruf, fühlt: www.wicker.de/ und www.faz.net

[3]  So zeigt z.B. die Frankfurter Rundschau mit einem Artikel vom September 2018, dass ihre Redakteure ihre Hausaufgaben beim Thema Schule offenbar nicht gründlich gemacht haben: Die in dem besagten Artikel aufgestellte Forderung, dass Lehrer den Lärm an Schulen reduzieren sollen, indem sie selbst die Architektur ihrer Schulen umgestalten lassen, ist einfach absurd: „Allerdings haben nach Auffassung des Instituts auch die
Lehrkräfte Schuld [an der Lärmbelastung in Schulen, Anm. der Verfasserin], die nicht das Entfernen von Wänden … und nicht einen Teppichboden verlangen, die es nicht schaffen, zwei Räume mit einem Durchbruch in der Mitte für ihre Klasse zu organisieren und die am herkömmlichen Frontalunterricht festhalten. Denn bei Partner- und Gruppenarbeit ist die Dezibelstärke im Raum 13 Punkte niedriger als bei frontaler Vorgehensweise.“ Zum ersteren Punkt ist zu sagen, dass ich persönlich es noch nie erlebt habe, dass Schulleitung und Schulträger die architektonischen Gegebenheiten der Schulräumlichkeiten verändern
, weil die Lehrer dies vorschlagen – allein diese Annahme klingt wie ein Hohn für all jene Kolleginnen und Kollegen, die sich trotz langjähriger Konferenzen zu diesem Thema immer noch mit maroden und gänzlich ungeeigneten Räumlichkeiten an ihren Schulen zurecht finden müssen. zu letzterem Punkt hingegen wird mich wohl jeder erfahrene Lehrer bestätigen, dass Gruppen- und Partnerarbeit grundsätzlich lauter sind (sein müssen!) als Frontalunterricht. [www.fr.de

[4] Obwohl gesetzlich krankenversicherte Beamte vermutlich günstiger für die Gesellschaft wären, scheint doch kein ernsthaftes politisches Interesse daran zu bestehen, den Staatsdienern eine Wahl bei ihren Sozialversicherungen einzuräumen: „Gut so“, sagt DBB-Gewerkschafter Friedhelm Schäfer, „denn man dürfe folgendes nicht vergessen: dass das Berufsbeamtentum in seiner Konstruktion auf mehreren Säulen beruhe, der Säule der Besoldung, der Versorgung, der Beihilfe sowie auch der Säule des Streikverbots. Und dieses Gebäude trage sich gegenseitig. Es sorge für die Stabilität des Berufsbeamtentums. „Und wenn ich da anfange, irgendwelche Elemente rauszunehmen, dann wackelt das Gesamte“, mahnt Schäfer. [www.mdr.de]

Hat dir der Artikel gefallen?

Dann melde dich an und ich informiere dich, wenn es etwas Neues gibt!

Bekommen Sie gratis Email Benachrichtigungen!

Registrieren Sie sich jetzt, um eine Email zu erhalten, wenn ich neue Inhalte publiziere.

Kein Spam und deine Daten sind sicher! Du kannst dich jederzeit abmelden!

Ich bin Moritz,

ich war 12,5 Jahre Kriminalbeamter, bevor ich den Goldenen Käfig 2017 verlassen habe. Heute bin ich Vater von drei Kindern, Ehemann,  IT-Consultant, Trainer und Coach.

Wir können das System nicht verändern. Aber wir können unser Leben verändern. Wenn du willst, können wir ein Stück des Weges gemeinsam gehen. Hau den ersten Stein um!

Alle Bilder von unsplash.com oder privat